Jahrgang 
105 (2002) / N.S. 56
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2002, Heft 2

Literatur der Volkskunde

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als grenzwertige Erfahrung und Abenteuer geschildert wird und schließlichmit seiner Verwandlung endet. Wie die Robinsonade folgen auch sie demMuster ,, Herkunftswelt Reise/ Abenteuer Rettung/ Wandlung/ Heim-kehr( Contes de passages. Erzählte Adoleszenz, S. 106-118). WährendRomane und Märchen Geschichten von individueller Identität erzählen,konstruiert der Mythos überindividuelle, kollektiv wirksame Identität.J. Assman stellt den Bericht über den Auszug der Hebräer aus Ägypten imAlten Testament der hellenistischen und der ägyptischen Überlieferunggegenüber. Sowohl bei den Juden als auch bei den Ägyptern steht die religiösmotivierte Ethnogenese im Hintergrund der Episoden, die die eigene Iden-tität aufzubauen versuchen, indem sie das Bild des Gegners verformen( Narrative Inversion, S. 119-133). Parallelen dazu finden wir im Aufsatzvon A. v. Plato, der die ost- und die westdeutschen ,, Mythen des Wider-stands"( S. 202-214) gegen den Nationalsozialismus miteinander ver-gleicht. Plato weist nicht nur das Eingebundensein der Geschichtswissen-schaft in das jeweilige politische System nach, er macht auch die Historikerals Lieferanten für die entsprechende Politik verantwortlich. Sein Beitraggehört allerdings schon unter das zweite Kapitel, das sich mit Fragen vonMacht und Ohnmacht narrativ vermittelter Identität und mit dem gesell-schaftlichen Diskurs beschäftigt.

Als Ohnmacht hat B. Röttger- Rössler das Scheitern ihrer Erhebungen beiFeldforschungen auf der Insel Sulawesi in Indonesien empfunden. Trotzaller Vorliebe der Makassar für spannungsreiche Geschichten und geschlif-fene Reden weigerten sie sich, aus ihrem Leben zu erzählen. Die Ethnologinsucht Antwort in den kulturellen Konventionen, die den kollektiven Aspektdes menschlichen Lebens betonen. Lebensgeschichte darf demzufolge nurdurch die Augen der anderen gesehen, beurteilt und entsprechend dargestelltwerden( Selbstrepräsentation und Kultur, S. 135–152). Wie sich die gesell-schaftlichen Verhaltensnormen in der Literatur widerspiegeln, zeigt C. Ro-senthal am Beispiel der Romane ,, The Woman Warrior von Maxine HongKingston( 1975) und ,, Intertidal Life von Audrey Thomas( 1984). Es gehtum die Suche nach weiblicher Identität, die die Protagonistinnen zumSchreiben der eigenen Geschichte führt( ,, You must not tell anybody,S. 153–165). Literatur ist demnach einerseits ein Machtapparat, der festlegt,wer oder was dargestellt wird, andererseits aber auch ein Ort, wo Vorbilderhinterfragt und erprobt werden. J. Raab verweist auf verschiedene Strategiender Identitätsfindung in der Chicano Literatur( Inszenierte Identitäten,S. 166–186). Neben der Unterordnung und der Abgrenzung macht in denletzten Jahren eine dritte Darstellungsweise auf sich aufmerksam: die Insze-nierung des Ich zwischen dem Eigenen und dem Fremden, das ständig neuzu verhandeln ist.