Jahrgang 
105 (2002) / N.S. 56
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2002, Heft 1

Chronik der Volkskunde

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So geht der Zug durch die vornehmsten Gassen und Plätze. Das Volk strömthaufenweise herzu, die schönen Schlittenfahrerinnen zu sehen.[...] Die Funkenvon den Fackeln sprühen ihnen um die Köpfe, der rauhste Nordwind saust ihnenum Busen und Nacken: Kleinigkeiten! dafür sind sie das Spektakel der Stadt,der Mittelpunkt, nach dem sich so viele heimliche Wünsche und Seufzerdrehen. Dies entschädigt für alle Ungemächlichkeiten des Körpers." 5

Besonders zur Zeit Karls VI. und Maria Theresias waren Schlittagenbeliebt. Die adeligen Teilnehmer überboten einander in der Verwendungaufsehenerregender Fahrzeuge: Das schaulustige Publikum sah Schlitten inGestalt von Fabeltieren, Seeungeheuern, Einhörnern oder wilden Tieren,Löwen, Hirschen oder Schwänen. Die vorne zum Schlittenkopf zusammen-laufenden Kufen waren ebenfalls nach dem Geschmack der Zeit verziert,zeigten Allegorien, Grotesken, Vogelköpfe oder Motive, die dem Exotismusentsprachen.

Mit Joseph II. endeten die kostspieligen Schlittagen des Wiener Hofes,während sich Adel, Bürgertum und wohlhabende Bauern das Vergnügen eineröffentlichen Schlittenfahrt auch im 19. Jahrhundert nicht nehmen ließen.

Schlitten dienen und dienten also dem Vergnügen, wurden für Fast-nachtsumzüge verwendet, zur Selbstinszenierung und aus Spaß am schnel-len Dahingleiten über den Schnee. Der Gebrauch von Schlitten reicht jedochweiter zurück. Der Schlitten war jahrhundertelang als eines der wichtigstenTransportgeräte aus dem Arbeitsbereich nicht wegzudenken. Die den Schlit-ten verwandten Schleifen gelten sogar als die ältesten Transportgeräte über-haupt. Da es naheliegend ist, Lasten, die zu schwer zum Tragen sind, hintersich her zu ziehen und dazu Äste oder Stangen zu verwenden, bezeichneteHanns Koren Schleifen als die ,, Urform des Fortbewegens, obwohl ersteBelege nicht weiter als auf die Frühbronzezeit zurückgehen. Ziehbretter unddie verschiedensten Arten von Schleifen waren bis ins 20. Jahrhunderthinein vor allem in bäuerlichen Betrieben in Gebrauch. Ob aus den Schleif-geräten die Schlitten weiterentwickelt wurden oder ob diese einen anderenUrsprung haben, ist nicht geklärt, jedenfalls verringern die Kufen der Schlit-ten den Reibungswiderstand beim Ziehen erheblich. Zuerst waren einfacheFlachschlitten in Gebrauch, doch schon bald kamen Gestellschlitten miteinem Schlittenkasten in Verwendung. Sie wurden im Sommer genausoeingesetzt wie im Winter, überall dort, wo Transportgeräte mit Rädern nichtoder nur schlecht vorwärtskommen, vor allem in steilem, sandigen, mora-stigen oder sumpfigen Gelände und natürlich bei Schnee. Im Bergbau undin der Landwirtschaft spielten sie lange ein große Rolle zum Transport vonHolz, Steinen, Mist, Heu oder von Milch.s

Der älteste Nachweis für einen Schlitten findet sich in einer sumerischenBilderschrift aus dem 3. Jahrtausend vor Christus und zwar auf einer Verrech-