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Chronik der Volkskunde
ÖZV LVI/ 105
liche Schlittenfahrten, die vor allem gesellschaftliche Aspekte hatten. Einbeliebter Termin für Ausfahrten war der Stefanitag, an dem die Bürger sichund ihre prestigeträchtigen Schlitten präsentierten. Wohlhabende Bürgerführten ihre Töchter aus; es ging darum, zu sehen und gesehen zu werden.³Im 17. Jahrhundert fanden die Schlitten Eingang in die verschwenderi-sche adelige Festkultur. Prunkvolle Schlittenfahrten, sogenannte Schlitta-gen, dienten dem programmatischen Vergnügen und demonstrierten diePracht und die Macht des Adels. Helltönendes Glockengeläute kündigte denSchlittenzug an und machte die Untertanen auf das Herannahen des herr-schaftlichen Schlittenzugs aufmerksam. Oft wurde die Reihenfolge derSchlitten und auch die Zuteilung der Damen zu einem Herren, der denSchlitten lenkte, durch das Los bestimmt. Die Intimität, die sich dabeizwischen dem adeligen Herren und seinem Passagier ergab, trug erheblichzum Reiz der Schlittagen bei. Prunkvolle Vergnügungsfahrten führten aufsLand, waren Teil der Faschingsfestivitäten, wobei die Teilnehmer maskiertwaren, oder gingen durch die Stadt, wo der Adel sich den Bürgern präsen-tierte und die prächtige Architektur die passende Kulisse für die Selbstin-szenierung abgab.4
Von derartigen Schlittenfahrten in Wien berichtet der Topograph JohannPezzl, der 1803 in seiner ,, Skizze von Wien" schreibt: ,, Im alten Wien, wonoch viel auf prunkvolle, rauschende Lustbarkeiten gehalten und verwendetwurde, waren die großen öffentlichen Schlittenfahrten eine der vornehmstenwinterlichen Unterhaltungen.[...] Da in den Hauptgassen von Wien wegendes vielen Gedränges von Menschen und Pferden der Schnee selten langeliegen bleibt und gerade durch diese Hauptgassen der Zug immer ging, somußte man an dem dazu bestimmten Tage erst einige tausend Fuhren Schneevon der Esplanade in die Stadt hereinschaffen, um die Bahn brauchbar zumachen.[...] Die vom Hofe veranstalteten Schlittenfahrten wurden immerbei Tage gehalten. Die anderen des Abends. Bei den ersteren zeigte sichimmer die vorzüglichste Pracht. Bei den letzteren hat der Anblick etwasRomanhaftes und Feenartiges. Ein Trupp Fackelträger zu Pferde voraus,dicht hinter ihnen ein Schlitten mit Trompeten und Pauken. Darauf der Zugvon zwanzig bis dreißig Herrschaftsschlitten, vor jedem zweiten Postillonsmit Fackeln, neben jedem zwei Läufer, die Uniformen wechseln an derFarbenmischung, alles strahlt im Widerschein des vervielfältigten Lichtesvon Gold und Silber. Den Beschluß macht ein ungeheurer Schlitten mitSpielleuten besetzt, welche das Getümmel der schellenbehangenen Pferdedurch kriegerische Musik erheben. Die Damen werden durch das Los ver-teilt. Sie sitzen, in sibirische Pelze vorteilhaft gehüllt, auf dem Schlitten,hinter jeder der Kavalier, einen russischen Muff an der Seite hängend undmit leichter Hand das lärmgewohnte Roß an seidenen Schnüren lenkend.[...]