Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band LVI/ 105, Wien 2002, 17-35
Die Tramperbewegung in Böhmen, Mährenund der Slowakei
Gero Fischer
Die tschechische( und slowakische) Tramperbewegung ist inihrer spezifischen Ausprägung als kultursoziologisches Phä-nomen ein bisher wenig erforschtes europäisches Unikum.Entstanden nach dem Ersten Weltkrieg in Böhmen, hat dieseBewegung ihren Zenit in der Zwischenkriegszeit gehabt. Siekonnte NS- Faschismus wie auch die kommunistische Epocheüberdauern und hat bis heute die tschechische und slowaki-sche Jugendkultur nachhaltig geprägt. In diesem Beitrag sol-len die Anfänge, die soziale Zusammensetzung, die geogra-phische Verbreitung sowie die kulturellen, sozialen und künst-lerischen Ausdrucksformen der tschechischen( und slowaki-schen) Tramperbewegung skizziert werden.
Vorbemerkung
Die tschechische Tramperbewegung ist als europäisches Unikumaußerhalb Tschechiens und der Slowakei weitgehend unbekannt. Undauch in der tschechischen und slowakischen Fachliteratur ist diesesThema noch nicht richtig aufgearbeitet, wenngleich es sich hierwachsenden Interesses erfreut. Jedenfalls existiert noch keine aus-führliche Monographie, bloß einige Aufsätze und einige kurze Fern-sehdokumentationen' liegen vor. Um einen wirklichen Einblick in dietschechische Tramperbewegung zu erhalten, genügt es nicht, vonaußend.h. über Sekundärliteratur( die fast ausschließlich in tsche-chischer bzw. slowakischer Sprache abgefasst ist) – an die Thematikheranzugehen. Der Zugriff zu authentischem schriftlichen Material,das von den Trampern selbst stammt( etwa Tagebücher, Zeitschriftenoder Flugblätter), ist aber in der Regel nur über persönliche Vermitt-lung von( auch ehemaligen) Trampern möglich. So habe ich meinemKollegen Karel Altman vom Ethnographischen Institut der Tschechi-1 Unter anderem ein Beitrag von Věra Chytilová im Jahr 1999.