Österreichische Zeitschrift für Volkskunde
Band LVI/ 105, Wien 2002, 1-16
Die gleiche Sprache in geänderten ZeitenBeziehungen zwischen Sprache und Regionalität am BeispielIstriens
Sanja Kalapoš
Der Beitrag diskutiert die zwiespältigen Verhältnisse zwi-schen einer Region und dem Zentrum eines Staates im Lichtder Globalisierung bzw. verschiedener globaler Prozesse. AmBeispiel des kroatischen Teils von Istrien wird die Positionie-rung des Dialekts innerhalb der nationalen Rhetorik aufge-zeigt. Der regionale Dialekt- in diesem Fall als ein Teil derPopularkultur gesehen wurde einerseits als Nenner für diealte und ,, authentische" kroatische Kultur benutzt und ande-rerseits als Zeichen des Regionalismus in Opposition zumStaat gesehen.
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Im Jahre 1994 erreichte Zagreb eine neue Art von Pop- und Rock-musik. Sie stammte aus der ,, Provinz“, sprach in erster Linie jungesPublikum an, und wurde in den verschiedensten kroatischen Dialek-ten gesungen. Bis dahin war es unter den Mainstream- und populärenMusikern aller Stile üblich, entweder die Hochsprache, den Zagreberurbanen Slang oder seltener den dalmatinischen Dialekt in ihrenLiedern zu verwenden. Zwar gab es auch frühere Versuche, dieregionalen Dialekte in die Musik zu inkorporieren, aber sie bliebensporadisch und ohne irgendwelche langfristige Bedeutung. In ganzKroatien gab es regionale Mainstreamszenen, Festivals und Radio-sender, die solche, immer an ein erwachsenes Publikum gerichteteProduktionen oft gespielt und beworben haben. So hat zum Beispielder istrische alternative Künstler und Musiker Franci Blašković nochMitte der 80er Jahre im Dialekt gesungen, wie auch einige andereZagreber Rockgruppen. Im Jahre 1994 gab es aber plötzlich vielePop- und Rockmusiker aus ganz Kroatien, die die Dialekte einsetzten,und sie alle wollten als die Initiatoren des Trends gelten. Es istfreilich unmöglich, und für diesen Anlaß auch nicht notwendig,
1 Knezović, Pavica, Marko Korunić, Majda Matković, Bojan Mušćet und GoranPelaić: Što, ča, kaj! In: Vjesnik, Zagreb, 14. Oktober 1994.