Literatur der Volkskunde
Georg Wolfmayr: Lebensort Wels. Alltägliche Aushandlungen vonOrt, Größe und Maßstab in einer symbolisch schrumpfenden Stadt(= Ethnographie des Alltags, 5). Wien/ Köln/ Weimar: Böhlau 2019.383 Seiten, SW- Abb.
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Was macht eine Stadt zur Stadt? Worin besteht das besondere urbane„ Feeling" von Metropolen? Wie groß muss eine Stadt sein, um diesespeziellen, körperlich, sinnlich und ästhetisch erfahrbaren Qualitätenzu vermitteln? Und wie verändert sich die Wahrnehmung von Städtenseitens ihrer Bewohner: innen, wenn jene attraktiven, von Populärkul-tur, Stadtmarketing und Produktwerbung hundertfach( re) produzier-ten imaginaires der angesagten Metropolen vor Ort nicht existieren- oder vor dem Hintergrund spätmoderner Transformationsprozesseverloren gegangen sind?
An diesem Punkt setzt Georg Wolfmayr mit seiner Mono-grafie zum„ Lebensort Wels“ an. Bei dem Buch, in Hardcover pub-liziert, knapp 400 Seiten stark, handelt es sich um die Dissertationdes Autors an der Universität Wien. Sie ging aus dem vom FWFgeförderten Forschungsprojekt Mittelständische Urbanitäten. Ethno-graphische Stadtforschung in Wels und Hildesheim( 2011-2016) hervor.Im Mittelpunkt der Studie steht die oberösterreichische StadtWels und allein das verleiht dem Unterfangen Wolfmayrs bereitsReiz und Relevanz. Denn bei dem etwa 61.000 Einwohner: innengroßen Wels handelt es sich um eine jener Städte, die sich gemein-hin unter dem Radar der metropolenfixierten kulturwissenschaftlichenStadtforschung bewegen. Es ist ein Ort, der zwar mit Blick auf seineEinwohnerzahl Wels ist die zweitgrößte Stadt Oberösterreichs- undseine wirtschaftliche Bedeutung und infrastrukturelle Zentralität fürdie Nahregion zweifellos verschiedene Kriterien der Urbanität erfüllt,der aber dennoch jener hippen Attribute des metropolen Städtischen inInnen- und Außenwahrnehmung zu entbehren scheint. Es ist eine Stadtdazwischen eine Stadt„ off the map"( Robinson 2002), die zudem seitden 1960er Jahren einen harten Strukturwandel weg von einer beliebtenEinkaufs- und Industriestadt zu einem in Ansätzen deindustrialisierten,„ Stigmatisierten“( S. 10) Ort genommen hat, der sich über seine Optio-nen und Zukunftsentwürfe zwischen Stadt und Land uneins ist. Eineeindeutige„ Kulturalisierung“( ein zentraler Begriff in der vorliegenden