Christian Stadelmann
Im Museum der VolkskundeRandbemerkungen zumParadigmenwechsel des Faches
Die folgenden Ausführungen sind als Beitrag zu einer Standort-bestimmung der Volkskunde bzw. der Europäischen Ethnologiegedacht.' Ihren Ausgang nehmen sie von der Beobachtung, dassnunmehr, nach einem halben Jahrhundert innerfachlicher Kritik amsogenannten Kanon der Volkskunde- der in seiner Gesamtheit stetsstellvertretend für eine inhaltliche Definition gestanden ist-, dieAbkehr davon in ganzer Konsequenz vollzogen ist. Ein Blick in dierezente Publikationslandschaft des Faches zeigt ganz deutlich: Diealphabetische Auflistung von Brauchforschung bis Volksfrömmigkeitist endgültig passé. Was lange Zeit theoretisch gefordert und dannzum Common Sense des Faches geworden ist, ist mittlerweile auchin der praktischen Arbeit umgesetzt. Von außen besehen sind es dieempirischen Methoden, die seine Identität ausmachen. Als Leser vonAufsätzen, als Teilnehmer von Tagungen habe ich schon wiederholtfestgestellt, dass ich ohne Vorwissen über Autorin oder Vortragendenmühelos eine Zuordnung zur Europäischen Ethnologie resp. Empi-rischen Kulturwissenschaft vornehmen habe können. Nach meinemDafürhalten sind es die Mikrostudien, basierend auf empirischenMethoden, die charakteristisch für das Fach geworden sind. Anderes
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Meine persönliche Standortbestimmung fällt hybrid aus: Einerseits binich Teil des Faches und derzeit auch Mitglied des Vorstands seiner Stan-desvertretung, der Österreichischen Gesellschaft für Empirische Kultur-wissenschaft und Volkskunde; andererseits habe ich schon sehr langekeinen unmittelbaren Anteil am innerfachlichen Diskurs mehr. Ich nehmediesen nur am Rande wahr und weiß beispielsweise wenig darüber, wiesich das Fach über die Wahl seiner Methoden hinaus derzeit definiert. Indiesem Sinne ist der Begriff„ Randbemerkungen“ im Titel auch hinsicht-lich meiner eigenen Position zu verstehen.