Aufsatz in einer Zeitschrift 
Stein-Zeit : was heißt Ethnografie schreiben heute?
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Anne Dippel, Stein- Zeit

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Elsie Masson in Innsbruck begraben ist. Seit dieser Zeit wollte ichdas Grab einmal sehen.

Acht Jahre nach dem ersten Sommer in Wien, im August2017, fand ich nach meinem Aufenthalt am Massachusetts Instituteof Technology( MIT) und vor einem weiteren September am CERNunter Physiker: innen bei einer Reise zu den bekletterbaren Felsen amGardasee die Zeit, in Alto Adige Halt zu machen und in InnsbruckElsies Grab aufzusuchen, es zu suchen und nicht zu finden.

Und seit diesem Tag, als ich den Friedhofsmeister nachFeierabend davon überzeugte, gemeinsam mit mir im Archiv zusuchen, und traurig davonzog, weil es keinen Stein zum Trauerngab, klaffte eine Lücke in mir. Die Lücke des fehlenden Steins, dernichts bezeugte, auf dem kein Name zu finden war, der Halt undAnstoß bieten könnte. Steine geben uns Werdenden Zeit. Ihr Daseingibt uns das Versprechen einer Erinnerung, die unsere menschlichenLebenszeiten überdauern kann. Kein Stein soll auf dem anderen blei-ben, wenn Elsie keinen Stein erhält, so dachte ich halb traurig, halbwütend, als ich den Friedhof verließ- gerade wenn und weil wir auchauf den Aussagen, Einsichten und Lebensweisen von Anderen unsereKarrieren bauen, unsere wissenschaftlichen Reputationen gründen.47

Nicht in Stein gemeißelt: Writing Culture Reloaded"?

Bei dieser Reise auf den Spuren der Malinowskis verwandelte sichein fehlender Stein für mich zur anthropologischen Analogie. DerNicht- Stein bezeugt den fiktionalen und imaginären Anteil allenethnografischen Suchens. Es ist bemerkenswert, dass die Gebeine aufdem Innsbrucker Westfriedhof bloß von Rasen bedeckt sind. Dasnicht- zeugende Grab, die Gebeine im Verborgenen steinlos wahrend,wird gleichsam konzeptuell zu einem Schauplatz für die wissenschaft-lichen Produktions- und Schreibbedingungen des 21. Jahrhunderts, indenen, wie Judith Butler deutlich gemacht hat, Sexismus, Klassismus

47 Eine Debatte um Fragen der Aneignung( appropriation) sollte über dieFrage der Kultur hinaus stets die Frage des Privaten und die der Besitz-verhältnisse in den Blick nehmen. Denn jede Stunde, die ich an Haus-arbeit nicht erledige, erlaubt es mir, diesen Text hier zu schreiben, undmuss in diese Textarbeit mit eingerechnet werden.