Aufsatz in einer Zeitschrift 
Stein-Zeit : was heißt Ethnografie schreiben heute?
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ÖZV, LXXVI/ 125, 2022, Heft 2

und Textualisierung umschlossen und meine poetische Haltungzum ethnografischen Schreiben nachhaltig beeinflussten.44

Stellen Sie sich vor, Sie sitzen plötzlich umgeben von all ihrem Habund Gut, allein im heißesten Wiener Sommer, nahe der Hofburg, wäh-rend die Mitfahrgelegenheit oder die Tramway, die Sie hierhergebrachthat, aus Ihrer Sicht verschwindet. Während Sie es sich in einem benach-barten Kaffeehaus einrichten, umgeben von Kaffeehausbesucher: innenund Ober: innen, haben Sie nichts anderes zu tun, als sofort mit ihrer eth-nografischen Arbeit zu beginnen. Und dann ist keiner da. Alle sind inder Sommerfrische. Außer die Bücher in der Wiener Hofburg. Diesind ausleihbar und die Österreichische Nationalbibliothek ist kli-matisiert. Dann lesen Sie eben, zumal Ihr Stipendienbudget sehrschmal ausgestattet ist und Sie nicht viel weiter reisen können, nocheinmal auch alle Klassiker der Ethnografie. Und historisch geschultin Altösterreichs Wissens- und Wissenschaftsgeschichte begreifenSie auf einmal, wie österreichisch" Malinowski ist. Der Sohn einesfolkloristisch arbeitenden Linguisten aus Krakau war in der Physiknach der empirischen Tradition von Ernst Mach ausgebildet wor-den. Er beschreibt wie in Experimenten Ist- Zustände, die vergehenwerden, aber geschichtslos wirken. Anstatt analog zur physikalischenErkenntnis der Relativität von Raum und Zeit in seiner Ethnogra-fie die Welt der Trobriand- Inseln in ihrer historischen Geworden-heit und Wandlung zu reflektieren, dehnt sich der Ausschnitt aus derFeldforschung ins Ewige: Seine Beobachtungen beschreiben schein-bar zeitentrückte Gesellschaften, bevor sie, von abstrakter historisch-physikalischer linearer Zeit erfasst, als Gegenstand verschwinden".

Aus der Geschichtswissenschaft kommend, war ich daherüberzeugt, dass die Fragen der ethnografischen Beobachtung und derFeldtheorie, der Zeit und des Raumes genauer untersucht werdenmüssten, gerade im digitalen Zeitalter. In Wien hatte ich unter Künst-ler: innen gelernt, dass der Faden, an dem die Zeit hängt, die Erin-nerung 45 spannt. Um größere beobachtungstheoretische Fragen zu

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Katharina Eisch- Angus, Marion Hamm: Poesie des Feldes 1984- 20012016. In: Jochen Bonz, Katharina Eisch- Angus, Marion Hamm, AlmutSülzle( Hg.): Ethnografie und Deutung. Gruppenvision als Methodereflexiven Forschens. Wiesbaden 2017, S. 365-377, hier S. 368.Anne Dippel: Dichten und Denken in Österreich. Eine literarischeEthnographie. Wien 2015, S. 42.