Aufsatz in einer Zeitschrift 
Stein-Zeit : was heißt Ethnografie schreiben heute?
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Anne Dippel, Stein- Zeit

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narrativen Struktur zu vergegenwärtigen, was Erinnerung und Steineverbindet:( Wieder) Belebung von Gewesenem in anderer Form.

Kleine Steine, die wir vielleicht einmal auf dem Weg von derSchule vor uns her kickten; handliche Steine, die am Berg in den Wan-derrucksack gepackt wurden, weil sie ins Auge stachen und, untenangekommen, schwer wogen,, obwohl sie am Gipfel so leicht schienen;Schmeichelsteine aus Bachläufen- sie alle stiften Erinnerung. Sie sindZeugen, die uns an Vergangenem teilhaben lassen. Gemeißelte Steinedes Gedenkens und eingelassene Stolpersteine auf dem Weg verkör-pern performative Akte.4 Steine können für Menschen mit Gefühlenaufgeladene Zeitdinge sein oder ökonomische Objekte, die aus demErdreich extrahiert werden. In diesen Fällen nehmen sie unterschied-lich ausgeprägte Fetischqualitäten an. Steine liegen auf Gräbern. Steinegeben Halt und laden zum Innehalten ein. Steine zeugen doppelt-von ihrem Eigenleben und vom Leben Anderer. Steine lenken vonPfaden ab und markieren Routen. Deshalb liefern sie hier Analogienfür den Weg der Feldforschung, auf dem aus der Fülle der Daten, denzufälligen Momenten heraus die Fragestellungen entwickelt werden.

Das Motto von Caillois veranschaulicht aus posthumanisti-scher Perspektive ein grundsätzliches Metanarrativ. Es erzählt davon,wie Erfahrungen zu Erkenntnissen werden, aus denen am Ende eineEthnografie entsteht. Was in diesem Text durch die wissenschafts-literarische Form des Erlebnisstroms³ nichtlinear und sprunghaft

4 Zur Performativität von Zeugen siehe: Aleida Assmann: Die vier Grund-typen von Zeugenschaft. In: Fritz Bauer Institut( Hg.): Zeugenschaft desHolocaust. Zwischen Trauma, Tradierung und Ermittlung. Frankfurta. M. 2007, S. 33-51.

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Vgl. Anne Dippel: Der Erlebnisstrom. Ein Werkzeug ethnographischenSchreibens. In: Berliner Blätter 1( 68), 2015, S. 72-83. Es handelt sich umeine wissenschaftsliterarische Technik, mit deren Hilfe die Verwandlungvon Erfahrung in Erkenntnis durch die Lesenden sichtbar wird, weil dieSchreibende den Weg vom gegebenen Datum zu gemachtem Wissenoffenlegt. Die Technik habe ich für die ethnografische Bearbeitung einerüber zweijährigen stationären Feldforschung unter Schriftsteller: innen undKünstler: innen in Wien entwickelt, um zu zeigen, wie Dichtung zu Den-ken wird, wie Felderfahrungsrhythmen und Lebenskarrieren miteinanderverschränkt sind. Der Erlebnisstrom veranschaulicht, dass zwar die subjek-tive Position der Beobachtung zum Verstehen einer Sache beiträgt, zugleichaber, unabhängig von der eigenen Positionalität, gegenwärtige Zusammen-hänge und historischer Kontext notwendig sind, um auch im Schreiben dieGrundsätze einer relationalen Anthropologie zu verwirklichen.