Anne Dippel
Stein- Zeit. Was heißt Ethnografieschreiben heute? ¹
Um über Neujustierungen der Empirischen Kulturwissenschaft in Zei-ten diversitätssensibler, dekolonialer und identitätspolitischer Debattenzu sprechen, verwebt dieser Artikel eine fachgeschichtliche Trouvaille- etwas Liebenswertes, Randständiges, zufällig Gefundenes – wäh-rend einer Feldforschung im Kulturbetrieb Wiens durch die Erzählungeines Erlebnisstroms mit dem kulturanthropologischen Werden derAutorin. Ausgehend von dem fehlenden Grabstein von Elsie MassonMalinowska in Innsbruck reflektiert der Beitrag den Einfluss der erstenFrau von Bronislaw Malinowski auf dessen Werk. Daran knüpfenaktuelle Fragen zur Mit- Sprache und zum Gehört- Werden an. Siekonturieren eine neuerliche Writing- Culture- Debatte.
„ Es gibt Steine, die zeugen.
Im Schoß der Erde entspringen knochige Steine"
schreibt der Kulturtheoretiker Roger Caillois.2 Der vorliegendeEssay nimmt diesen Satz als ethnografisches Motto und beginnt vonihm aus die Spurensuche der Erinnerung und des Nachlebens in
1 Diese Arbeit wäre nie ohne die gemeinsame Reise mit Sonia Fizekentstanden, die mir den Briefwechsel und die Märchenerzählungen vonMasson schenkte und mit der ich nach Spuren von Elsie Masson undBronislaw Malinowski in Tirol und Alto Adige suchte. Des Weiterenmöchte ich den Herausgeber: innen und Redakteur: innen der Zeitschrift,insbesondere Oliwia Murawska und Magdalena Puchberger, für dieBetreuung des Artikels und den beiden anonymen Reviewer: innen fürdie hilfreichen Kritiken danken.
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Roger Caillois: Steine. München 1983, S. 16. Auch Roger Caillois gehörtzu den Denkern aus einer ethnologischen Tradition, sei es volks-, sei esvölkerkundlichen Ursprungs, die mit einiger Ambivalenz betrachtet wer-den müssen, wie sich bei Aimé Césaire nachlesen lässt. Caillois schrieb