Chronik der Volkskunde
Bericht zur Online- Tagung„ Reimagining One's Own.Ethnographic Photography in Nineteenth- and
Early- Twentieth- Century Europe", Volkskundemuseum Wienund Photoinstitut Bonartes( Wien), 1. bis 3. Dezember 2021
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Auf Einladung des Volkskundemuseum Wien und des PhotoinstitutsBonartes trafen sich anlässlich der hier zu rekapitulierenden TagungExpert* innen aus Forschung und musealer Praxis, um über ethno-grafische Fotografien des„ Eigenen“ als Dokumentations- und Wis-sensobjekte, ihre Zirkulation und Präsentation im 19. und beginnen-den 20. Jahrhundert zu diskutieren. Angesichts der internationalenBeteiligung die Referent* innen stammten aus der Ukraine, Italien,Frankreich, Österreich und Deutschland| – war Englisch die Tagungs-sprache. Die Veranstalter* innen – die Organisation lag in den Händenvon Herbert Justnik, Martin Keckeis und Julia Schulte- Werninghatten die Veranstaltung ursprünglich in Präsenz geplant, mussten sieaber aufgrund der pandemischen Lage in den digitalen Raum verlegen.
Es mag zunächst vielleicht verwundern, was denn der inzwi-schen relativ umfangreichen Postkolonialismus- Forschung über eth-nografische Fotografie und Fotopraxis noch hinzuzufügen ist; aller-dings hat sich diese bisher überwiegend auf den außereuropäischenRaum konzentriert. Die Wiener Tagung blickte hingegen auf Fotosaus dem europäischen Raum, wofür gerade die Habsburgermonarchieein lohnendes Feld bietet, umfasste sie doch diverse Kulturen in Mit-tel- und Osteuropa. Allerdings, das sei vorweggenommen, kann zuden Ergebnissen der Tagung gezählt werden, dass sich der Blick aufEuropa nur wenig von dem auf die Kolonien unterschied: Wissen-schaftler* innen traten als Expert* innen ihnen geografisch zwar nähe-rer, oft aber doch„ ferner“ Kulturen auf, Fotografien waren Zeichenvon Hegemonie, indem sie typisierten, aber auch exotisierten undromantisierten. Die als Titelbild der Tagung ausgewählte Fotografie,, Verheiratete Huzulinnen, alltägl. u. Sonntagskopfputz"( 1890er Jahre)des ukrainischen Fotografen und Ethnografen Volodymyr Šuchevyč( 1849-1915) aus dem Bestand des Volkskundemuseums Wien zeigtedies sehr eindrücklich: Als Rückenbild aus der Totalen aufgenom-men richtet sich der Fokus auf die im Nacken geknoteten Tücher alsessenzielle Teile der Tracht. Dieser Blick war einerseits standardisiert,