Berichte und Besprechungen
Li Gerhalter: Tagebücher als Quellen: Forschungsfelderund Sammlungen seit 1800(= L'Homme Schriften, 27).Göttingen: Vandenhoeck& Ruprecht 2021. 459 Seiten
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Genaueres erfährt man in den seltensten Fällen: nämlich dazu, überwelche Wege Auto/ Biografisches in die Hände von Forscherinnenund Forschern gelangt ist, um von diesen zu Forschungsgegenständengemacht zu werden, aber auch dazu, ob und inwieweit diese Wegein die Analyse des Materials einbezogen wurden. Dabei sind es diesehr unterschiedlichen, von sozialen und historischen Konstellationenabhängigen Überlieferungswege und die damit verbundenen Kultur-techniken und Medien, vom Aufheben im persönlichen und sozia-len Umfeld bis hin zur Eingliederung in Sammlungen und Archive,die letztlich jenes Material prägen, das wir wissenschaftlich als auto/biografisch einordnen und diskutieren. Umso wichtiger ist daher dieStudie der Historikerin Li Gerhalter, eine Dissertation vorgelegt ander Universität Wien, in der die Autorin Sammlungen im Bereichder Tagebuchforschung als Ergebnisse disziplinär fokussierter Wis-sensorganisation historisiert. An drei Fallbeispielen führt sie vor, wiedie Entwicklung wissenschaftlicher Fragestellungen Hand in Handgeht mit der Sammlung und Definition auto/ biografischer Texte alswissenschaftliche Quellen, vor allem aber, wie wissenschaftliche Per-spektivierung spezifische Engführungen des Sammelns und in derKonsequenz der Forschungsergebnisse bedingten bzw. bedingenkann. Li Gerhalters systematisches Augenmerk der Sichtungen undDiskussionen dieser Sammlungsaktivitäten und deren Institutiona-lisierung liegt darauf, welche Akteurinnen und Akteure die Formie-rung der jeweiligen Sammlung bestimmten und wie sich spezifischeVerteilungen nach Geschlecht und sozialen Zugehörigkeiten in diesenOrdnungen darstellen.
Über die Auswahl der drei Beispiele zeichnet Li GerhalterVerschiebungen in Geschichte und Logiken der Sammlungen vonTagebuchvarianten nach, beginnend mit Elterntagebüchern in derSäuglings- und Kleinkinderforschung betreffend den Zeitraum von1800 bis zur Jahrhundertwende um 1900, über Tagebuchsammlun-gen im Zuge der Formierung von Jugendforschung in den 1920erJahren bis hin zu Sammlungen im Kontext deutschsprachiger