Brigitte Semanek und Tabea Söregi, Die Liebe zum kleinen Format
263
und Putzen, Haus- und Care- Arbeit werden jedoch in den oft aufbestimmte Ereignisse im Jahreslauf konzentrierten Filmen nur amRande gezeigt. Doch nur weil in einer Szene Personen essen undin der nächsten die schmutzigen Teller verschwunden sind, heißtes nicht, dass auf solche Tätigkeiten als Filmsujet kein Wert gelegtwurde. Hier ließen sich je nach Fragestellung die Schmalfilme einer-seits mit anderem Quellenmaterial aus der jeweiligen Zeit, zum Bei-spiel mit autobiografischen Texten, kontextualisieren und anderer-seits untersuchen, von wem und zu welchen Anlässen das Kochenoder Geschirrabwaschen, das Ankleiden und Frisieren oder das Ein-kaufen festgehalten wurden. Hier ist also eine weitere Facette vonPrivatheit in Niederösterreich privat zu hinterfragen.
Liebe zur Technik: Amateurfilme als Produkteund Sammlungsgegenstände
Die gesammelten Filme sind nicht nur thematisch breit gefächert,sondern auch formal unterschiedlich gestaltet. Bei manchen Konvo-luten lassen sich technische Fortschritte im Umgang mit Kamera-führung und Belichtung beobachten; manch anderen Filmer* innenscheinen Handlungsanweisungen an die gefilmten Personen odersorgfältige Nachbearbeitung wichtig gewesen zu sein.20 Aus Hand-büchern, von anderen Filmemacher* innen und aus benachbarten Gen-res wie Spielfilmen und professionellen TV- Produktionen wurdenKnow- how und ästhetische Konventionen übernommen und kreativweiterverarbeitet.21
19
20
21
20. Jahrhundert, Bd. 3. Wien, Köln, Weimar 2008, S. 383-414. Mit Blickauf den material turn wären Untersuchungen, welche die Möblage unddas Arrangement der Gegenstände vor der Kamera mit Zonen der Unord-nung in Heim und Garten in Beziehung setzen, ebenfalls lohnend.Kochen z. B. in Niederösterreich privat, Konvolut 1345, 1345-011,
St. Pölten u. a. 1950er Jahre; Einkaufen im Urlaub z. B. in Konvolut 1342,1342-019, Castelnuovo del Garda 1980er Jahre.
Derzeit gehen wir davon aus, dass etwa vier von fünf Schmalfilmen ohneTon sind; bei den übrigen gibt es sowohl Originaltöne als auch Nachver-tonungen mit Musik und Voiceover.
21 Zum Begriff der„ Amateur* innen“ als Filmemacher* innen vgl. SusanAasman, Tim van der Heijden, Tom Slootweg: Amateurism. Exploringits Multiple Meanings in the Age of Film, Video, and Digital Media.In: Gabriele Balbi, Nelson Ribeiro, Valérie Schafer( Hg.): Digital Roots,