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ÖZV, LXXVII/ 126, 2023, Heft 2
Händen zu entgleiten drohen. Am oberen rechten Bildrand ist dasWiener Reichsratsgebäude zu sehen, wo es in der Auseinanderset-zung um dieses Dokument zu tumultartigen Ausschreitungen gekom-men war. Und obschon der links unten wappenförmig eingeblendeteDreifarb dieser Postkarte nur eines von mehreren Bildkomponen-ten darstellte, kam ihm doch als ethnopolitisches Gütesigel eine fun-damentale Bedeutung zu, weil mit dieser Akzentuierung eine ausdeutschnationaler Sicht nicht verhandelbare Position im Sprachen-und Nationalitätenstreit der Monarchie sichtbar gemacht wurde.
Schon die hier vorgestellte kleine Auswahl an österreichischenBildpostkarten dürfte hinreichend illustriert haben, wie zahlreich undwie vielgestaltig der deutsche Dreifarb zur Zeit der späten Habsbur-germonarchie in diesem damals hochmodernen Massenmedium visu-alisiert und kommuniziert worden ist. Die Spannbereite reichte vonganzflächigen Abbildungen über Fahnen, Wappen und Vereinslogosbis hin zu Schärpen, Banderolen oder Zierleisten. Auf einer hier nichtwiedergegebenen Ostergrußkarte war sogar ein großes Osterei mitden Farben Schwarz, Rot und Gold bemalt. Ganz gleich, ob nun zen-tral ins Bild gesetzt oder lediglich als Dekor verwendet, stets warmit dem Dreifarb ein häufig genutztes und allgemein verständlichespolitisches Signal gesetzt. Auch wenn keine verlässlichen quantifi-zierenden Angaben gemacht werden können, zeigt schon allein einBlick auf die analoge Bildpostkartenproduktion im WilhelminischenKaiserreich, dass der Dreifarb dort im Vergleich zur Habsburgermo-narchie vergleichsweise weniger gebräuchlich gewesen ist.
Mit Beginn des Ersten Weltkriegs trat die Visualisierungdes deutschen Dreifarbs auf Bildpostkarten in der Habsburgermo-narchie und erst recht im Deutschen Reich dann allerdings merklichin den Hintergrund. Stattdessen dominierten jetzt einzeln oder kom-biniert die offiziellen Reichsfarben Schwarz und Gelb für Österreichsowie Schwarz, Weiß und Rot für Deutschland.18 Je nach Herkunft
18
Vgl. zur visuellen Selbstdarstellung des Zweierbündnisses sowie zu denandererseits durchaus problematischen Beziehungen der beiden unglei-chen und rivalisierenden Bündnispartner u. a.: Nibelungentreue undMitteleuropa. In: Manfried Rauchensteiner( Hg.): An meine Völker.Der Erste Weltkrieg 1914-1918. Wien 2014, S. 118–131; Gary Shanafelt:The Secret Enemy. Austria- Hungary and the German Alliance 1914-1918.New York 1985.