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ÖZV, LXXVII/ 126, 2023, Heft 1
Arbeitsweg müssen sie etwa den nächsten Einkauf planen, statt sichin ihre Lieblingsmusik zu versenken. Wie weit, ist hier zu fragen,kann sich die Wirklichkeit vom Idealtypischen entfernen, ohne dassletzteres seine Plausibilität verliert?
GERLINDE IRMSCHER
Elke Krasny, Sophie Lingg, Lena Fritsch, Birgit Bosold, VeraHofmann( Hg.): Radicalizing Care. Feminist and Queer Activismin Curating(= Publications Series of the Adademy of Fine ArtsVienna, 26), London: Sternberg Press 2021, 326 S., zahlreiche Abb.
In der Volkskunde/ Europäischen Ethnologie wurde das Thema Caremeist mit einem heteronormativen Geschlechterrollenverständnis inVerbindung gebracht. Die Auseinandersetzung im Fach blieb dahereinige Zeit bei der Pflegearbeit und der Kinderobsorge stehen. Inden letzten Jahren gewannen Diskussionen um Care- Arbeiter: innenund die Feminisierung der Pflegearbeit bei Tagungen und in diver-sen Publikationen an Bedeutung. Zeitgleich mit der Ausweitungdieses Diskurses fand ein zunehmender Ökonomisierungsdruckauf das Pflegepersonal statt, der heute als Pflegenotstand diskutiertwird. Die Care- Arbeit wurde ein wichtiges Thema der Frauenbe-wegung im globalen Westen und wird in Hinblick auf gerechtereEntlohnung besprochen sowie mit der Frage nach einer fairen Ver-teilung der Reproduktionsarbeit verschränkt. In letzter Zeit wird derCare- Begriff multiperspektivisch unter Einbeziehung von globalenArbeitsverhältnissen und unter intersektionalen Aspekten erforscht.'Im Fach Volkskunde/ Europäische Ethnologie wird der Begriffzunehmend stärker im Zusammenhang mit dem Kuratieren vonAusstellungen gesehen, und er spielt im künstlerischen, aktivistischen
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Siehe dazu: Beate Binder, Sabine Hess: Politiken der Für_Sorge-
Für Sorge als Politik: Einige einleitende Überlegungen. In: Beate Binder,Christine Bischoff, Cordula Endter u. a.( Hg.): Care: Praktiken undPolitiken der Fürsorge. Ethnografische und geschlechtertheoretischePerspektiven. Berlin, Toronto 2019, S. 9-32, hier S. 9-20.