Jahrgang 
126 (2023) / N.S. 77
Seite
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Berichte und Besprechungen

Bericht zur Tagung Doing Kinship by Doing Law. Zur Alltags-bedeutung von Recht in verwandtschaftlichen Kontexten",Institut für Europäische Ethnologie an der Universität Wien,9. bis 10. Dezember 2022

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Wie vielfältig und oft unscheinbar durchdringen Rechtsnormen dasalltägliche Zusammenleben und das Familienleben im Speziellen? Wasmeint eigentlich der Begriff der Verwandtschaft und in welchemVerhältnis steht er zu Konzepten von Familie? Wie können juristi-sche Verfahren als Alltagsphänomene ethnografisch erfasst werden?Diese Fragen standen im Mittelpunkt der Konferenz Doing Kinshipby Doing Law, die am 9. und 10. Dezember 2022 am Wiener Institutfür Europäische Ethnologie stattfand und von Felix Gaillinger orga-nisiert wurde. Über die beiden Tage hinweg bot die Tagung mit zweiKeynotes und zwölf Panel- Beiträgen ein umfassendes Programm mitinterdisziplinären Perspektiven.

Beate Binder( Berlin) führte mit ihrem Keynote- Vortrag in dieFragestellungen und Ansätze der kulturanthropologischen Rechtsfor-schung ein. Ihre Forderung, Recht in empirische Forschungen einzu-binden, verdeutlichte sie anhand der ambivalenten Rolle des Rechts:Juristische Festlegungen können individuelles Handeln einschränkenund mit Sanktionen belegen. Denkt man an historische Errungen-schaften wie die Ausweitung des Wahlrechts für Frauen, schafft Rechtgleichzeitig Möglichkeitsräume. Kulturanthropolog* innen solltenzudem auch das soziale Leben des Rechts betrachten, die mit ihm ver-knüpften Institutionen, Materialitäten und Praktiken- also das DoingLaw in den Blick nehmen. Ganz im Sinne des Tagungstitels proble-matisierte Binder schließlich, ob Recht überhaupt für die Regulierungdes Familienlebens angemessen sei. Denn, so ihre Kritik, Gesetzes-texte und Rechtsprechung sind von kapitalistischen und patriarchalenNarrativen durchzogen, was die weit verbreitete Vorstellung, wir seienalle vor dem Recht gleich, in Frage stellt.

An diese aufgeworfenen konzeptionellen Herausforderungenschloss die Soziologin Karin Jurczyk( München) in ihrem Vortrag an.Dabei führte sie zunächst in die begriffliche Frage ein, wie Familie defi-niert werden könne. Ausgehend von ihrer zeitgenössischen Diagnos-tik, dass es nicht mehr selbstverständlich sei, ob, wann, mit wem man