2007, Heft 4
Chronik der Volkskunde
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,, Ostdeutschen Arbeitnehmern als Avantgarde der, totalverzweckten Ge-sellschaft“, wobei in der Diskussion die Ost- West- Dichotomisierung mehr-fach kritisiert wurde. Über die der unterschiedlichen Bewertung von ver-schiedenen Tätigkeiten zugrunde liegenden„, Anerkennungsstrukturen vonArbeit" referierte anschließend Linda Nierling( Institut für Technikfolgen-abschätzung und Systemanalyse, Forschungszentrum Karlsruhe); noch im-mer sei, trotz lang anhaltender Bemühungen etwa von feministischer Seite,Erwerbsarbeit Grundlage für Anerkennung. Den Abschluss des Vormittagsbildete ein Vortrag von Katrin Lehnert( Institut für Europäische Ethnologie,Humboldt- Universität, Berlin) über das ,, zeitlos aktuelle" Bild des Sozial-schmarotzers und speziell über den ,,, Sozialschmarotzer' im Spiegel ver-änderter Arbeits- und Lebensbedingungen“. Lehnert sprach von einem neu-en Gerechtigkeitsverständnis, demgemäß jede/ r erhalte, was er/ sie verdiene;Arbeitslose würden als selbst schuld an ihrer Arbeitslosigkeit betrachtet, undje schärfer im Zuge der gegenwärtigen Sozialpolitik die Anforderungen anArbeitslose würden, desto mehr wachse auch die Schuldzuschreibung an sie.Wie mehrmals im Laufe der Tagung kam die Rede in der Diskussion zudiesem Vortrag auf das Konzept des bedingungslosen Grundeinkommens.Ein solches einzufordern sei, wie festgehalten wurde, auch Teil einer Stra-tegie, um die Arbeitsideologie auszuhebeln.
Am Ende der Tagung hatte man das Gefühl, Zeuge eines Politisierungs-schubs( oder zumindest eines Versuchs in diese Richtung) innerhalb derKommission zu sein. Die vom Organisator der Tagung, Klaus Schönberger,in den Raum gestellte Frage Rolf Lindners, ob ,, die Volkskunde nicht zustark mit der humanistischen Tradition verbunden[ sei], als daß sie sich mitdem Status einer besseren Betriebswissenschaft begnügen[ könne]", ¹ schienpositiv beantwortet zu sein. So wurden am letzten Nachmittag ,, Widerstän-dige Praxen, Prekarität, Arbeitslosigkeit“ diskutiert ein Themenblock,dessen fünf Vorträge Anlass zu den wohl heftigsten Debatten der Tagungwaren. Ove Sutter, Magistrand am Hamburger Institut für Volkskunde,referierte über den Ansatz des Hörspiels ,, Einer muß immer parieren“ vonMichael Scharang und drei( nicht vollnamentlich genannten) Arbeitern alsKoautoren aus dem Jahre 1973, das als Mittel erprobt wurde, die Ergebnisseengagierter( sozialwissenschaftlicher) Literatur den Arbeitern zu vermitteln.Die Dokumentierten wurden hierbei in den Dokumentationsprozess einbe-
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1 Lindner, Rolf: Der zweite Abschied vom Volksleben. In: Institut für EuropäischeEthnologie der Universität Wien( Hg.): Volkskultur und Moderne. EuropäischeEthnologie zur Jahrtausendwende. Festschrift für Konrad Köstlin zum 60. Ge-burtstag am 8. Mai 2000(= Veröffentlichungen des Instituts für EuropäischeEthnologie der Universität Wien 21). Wien 2000, S. 149-155, hier S. 155.