456
Chronik der Volkskunde
ÖZV LXI/ 110
( Bremerhaven) berichtete über ,, Arbeitsmigrantinnen und Arbeitsmigrantenin Bremerhaven 1955-2005", indem er ausführlich die mittels Interviewserhobenen Biographien zweier, wie er sie nannte,„ Zeitzeugen“( nämlichselbst ArbeitsmigrantInnen) referierte. Den zweiten Vortrag, und zwar überdas nach Ansicht der Referentin noch immer stiefmütterlich behandelteThema( migrantische) ,, Hausarbeit“, hielt Sabine Hess( Institut für Volks-kunde/ Europäische Ethnologie, Ludwig- Maximilians- Universität Mün-chen). Hier wurde sehr fundiert auf das Rahmenthema der Tagung einge-gangen, indem in Zusammenhang mit migrantischer Hausarbeit nachEntgrenzung und Ökonomisierung der Privatsphäre gefragt wurde.
Unter dem etwas sperrigen Panel- Titel ,, Entgrenzte Praxen zwischenHeteronomie und Autonomie" referierten Birgit Huber( Max Planck Insti-tute for Social Anthropology, Halle) und Christine Nebelung( Institut fürEuropäische Ethnologie, Humboldt- Universität, Berlin): erstere über dienach Ansicht der Referentin als Thema einer informierten Volkskundewichtigen Phänomens der ,, income mixes"( wobei Huber ,,, income mixes'neu" von ,,, income mixes“ alt“ unterschied), zweitere über ,, Eigenarbeit inder ostdeutschen ländlichen Gesellschaft"( die mit der Verstetigung vonArbeitslosigkeit zugenommen habe) am Beispiel einer kleinen Gemeinde inMecklenburg- Vorpommern. Das Abendprogramm dieses Freitags bestritt,, Alleinunterhalter" MC Orgelmüller alias Rudi Maier( Ludwig- Uhland- In-stitut für Empirische Kulturwissenschaft, Universität Tübingen). Seine hin-reißende musikalische Darbietung ausgewählter Firmenhymnen wurde vonanalytischen Ausführungen über dieses Genre gerahmt. Maier brachte da-mit, neben den bereichernden Inhalten insbesondere durch den Performan-ce- Charakter seines Beitrags, der Tagung und ihren TeilnehmerInnen einErfahrungs- und Reflexionsmoment über die gewinnbringende Kombinati-on künstlerischer und wissenschaftlicher Strategien. Einerseits erfolgte hiereine Verschiebung von Repräsentations- und Vermittlungsformen, anderer-seits fand ein Rollenwechsel des akademisch/ wissenschaftlich argumentie-renden Kollegen zum Entertainer und Virtuosen statt. Analog dazu kam eszu einer Verschiebung vom wissenschaftlichen Diskurs zu einer wenigerformellen Wissensgenerierung und-aneignung.
Der Samstagvormittag war ,, Kämpfen um den symbolischen Wert derArbeit“ gewidmet. Jens Wietschorke( Institut für Europäische Ethnologie,Humboldt- Universität, Berlin) hielt einen der wenigen Vorträge der Tagungüber ein historisches Thema, nämlich über einige Protagonisten der bürger-lichen Sozialreformbewegung der 1920er Jahre und die Vorstellungen von,, Arbeit", die hinter deren Bemühungen um die sozialpädagogische Beein-flussung der Arbeiterschaft standen. Peter F.N. Hörz( Reutlingen) undMarcus Richter( Bamberg) fragten nach einer ,, Verfleißigung Ost“ und nach