Jahrgang 
110 (2007) / N.S. 61
Einzelbild herunterladen
 

2007, Heft 4

Chronik der Volkskunde

451

sowohl nach innen als auch nach außen als regionaltypisches Kulturgutwahrgenommen werden.

Hier setzt auch die heutige Tourismusbranche an. Ansätze einer erlebnis-orientierten Volkskultur als Angebot in Tourismusregionen wurden von derTourismusexpertin Dr. Alexandra Brunner- Sperdin von der Universität Inns-bruck vorgestellt. Durch spannende Inszenierungen, die das Spezielle einerRegion hervorkehren, wird dem Touristen diese schmackhaft gemacht.Dabei möchte der Gast möglichst vielfältig in die Eigenheiten einer Regioneintauchen und diese von unterschiedlichen Gesichtspunkten aus kennenlernen. Wieweit die Inszenierung das reale Leben einer Region widerspie-gelt und in dieses eingreift, ist meist durch Abgrenzungsmechanismen derregionalen Bevölkerung bestimmt. In letzter Konsequenz könnte das bedeu-ten, dass man dem Touristen eine inszenierte Welt vorspielt, um ihn von dereigenen authentischen Lebenswelt fernzuhalten.

Prof. Dr. Konrad Köstlin bezeichnet Regionen demnach als Handlungs-räume, die von verschiedensten Akteuren aus unterschiedlichsten Intentio-nen geschaffen werden. Sie sind Konstrukte. Leute von heute agieren auchin mehreren regionalen Räumen, deren Grenzen verschwimmen und sichüberlagern. Sie wählen aus den unterschiedlichsten Formen und Angebotenaus. Die Gefahr besteht dabei darin, dass sich Angebote, Schemen undglobale Handlungsformen auf regionaler Ebene wieder finden und sichregionale Eigenheiten und so auch Inszenierungen nicht mehr viel vonein-ander unterscheiden.

Die Konvention der UNESCO zum Schutz der kulturellen Vielfalt willdem entgegenwirken. Kultur gehört nicht den Kriterien einer Marktwirt-schaft unterworfen, auch wenn derzeit die Kulturmärkte am schnellstenwachsen. Dieter Kramer geht in seinem Vortrag näher auf diese Konventionein. Fragen, die für ihn daraus resultieren: Hemmt ein Schutzprogrammnicht die Lebendigkeit? Ist die Konvention nicht ebenso eine Auswirkungder Globalisierung und Sichtweise der industrialisierten Welt? Nicht ohneGrund begannen auch die ersten Aufzeichnungen, die dem Schutz und derErhaltung regionaler Eigenheiten dienen sollten, mit den Anfängen derIndustrialisierung. Das Volksliedwerk ist so auch ein Produkt dieser frühenSchutzphänomene.

Gelenkte Schutzprogramme haben jedoch den Vorteil, dass das zu Schüt-zende plötzlich ins Blickfeld und Interesse einer größeren Allgemeinheitrückt. Es lässt sich die Einmaligkeit des Geschützten somit auch gut fürMarketingstrategie einsetzen. Eine Region entspringt somit aus einem stän-digen Kreislauf von Entwicklung einer Einmaligkeit, deren Vermarktungund deren Schutz. Hier stoßen einzelne Interessen immer wieder aufeinan-der und Konkurrenzkämpfe zwischen Regionen entstehen. Um den Kreis-