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Chronik der Volkskunde
ÖZV LXI/ 110
Obwohl möglicherweise Frauen eher dazu tendieren, Formatzwänge zusprengen, litten wohl auch Männer an ihnen. Einzukreisen wäre die Proble-matik demnach in Hinblick auf Ein- und Ausgrenzungen der Erfahrung vonMännern und Frauen durch das Format. Eine Schwierigkeit für Forscher/ in-nen bestehe darin, einen Ausweg aus der Ambiguität des Feldes zu finden.Denn einerseits versprechen die klassischen Formate den größten wissen-schaftlichen Erfolg( Formatzwänge), andererseits verfüge gerade die ,, poli-tisierte“ Genderbewegung über eine besondere Sensibilität für Ausgren-zungsmechanismen, weshalb sie sich vermutlich kaum alternativer Formatebedient. Die Ambiguität schreibt sich auch in Institutionalisierungsprozes-sen und den wissenschaftlichen ,, Ost- West- Beziehungen" fort, deren hier-archische Verhältnisse der Logik globaler Marktstrukturen folgen. Für Gen-derforscher/ innen, die in unterschiedliche Wissens- und Wissenschaftskul-turen eingebettet sind und in verschiedenen Räumen( Zentrum- Peripherie)agieren, gelten jeweils andere Erfahrungsbezüge, so Breckner abschließend.Beatrice Schwitter( Zürich) leitete den dritten Tagungsabschnitt ein. Siestellte mit ,, Erst mit Siebzig erlebte ich meinen ersten Höhepunkt“. ZurProduktion von sozialem Wissen über Sexualität in der Schweiz durch dieKolumne ,, Liebe Marta“, 1980-1995 ein Forschungsprojekt vor, das dieintimen Narrationen in Leserbriefen, die an die Kolumne ,, Liebe Marta“( Marta Emmenegger) der größten Schweizer Tageszeitung ,, Blick“ gesandtwurden, die Kolumne selbst und Antwortschreiben untersucht und sichinsofern im Spannungsfeld von autobiographischem Schreiben, Beratungund medialer Aufbereitung ansiedelt. Seit dem 19. Jahrhundert sei diechristliche Beichttechnik für die scientia sexualis( Michel Foucault) bestim-mend und als neue ,, geständnishafte Selbstthematisierung“ in massenmedialinszenierten sexualtherapeutischen Diskursen fortgeschrieben. Schwittersdiskutierte autobiographisierendes Schreiben über Sexualität als eine Mög-lichkeit zum freieren, mitunter selbsterklärenden Sprechen, das im konkre-ten Fall nicht zwingend lösungsorientiert sein muss, aber der Sinnkonstruk-tion und Selbstbehauptung dient. Die untersuchten Narrationen spiegelnoftmals Bewältigungsstrategien von Krisen wider, thematisieren deren emo-tionale Seiten( Zorn, Wut, Anklage) und damit ,, subjektives Wissen umUnrecht". Es zeichne sich die Tendenz ab, dass Autobiographisieren alsKontextsicherungsstrategie eher von Frauen verwendet werde. In der Wis-sensproduktion über Sexualität fungierte Emmenegger als Katalysator, denndurch ihre Kolumne wurde wissenschaftliches Wissen popularisiert und inden Fundus des Alltagswissens integriert.
Sabine Zinn- Thomas( Freiburg i. Br.) stellte mit„, Mutter sein, Fraubleiben" diskursanalytische Überlegungen zu Ratgeberliteratur überSchwangerschaft und Geburt Basisprämissen der Ratgeberliteratur der letz-