Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde110 (2007) / N.S. 61Lukács, László: Der Weihnachtsbaum der österreichisch-ungarischen Nordpolexpedition aus dem Jahr 1873

  
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Der Weihnachtsbaum der österreichisch-ungarischen Nordpolexpedition aus dem Jahr 1873
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Mitteilung

ÖZV LXI/ 110

Von der Weihnachtsfeier der Mannschaft des Jahres 1873 hatte KapitänKarl Weyprecht an Ort und Stelle eine Skizze angefertigt, auf der der Stichdes berühmten österreichischen Grafikers der Zeit, Vinzenz Katzler( 1823-1882), für die Leipziger Illustrierte Zeitung basierte. Die Szene wurde vomSchiffsarzt Julius Kepes kommentiert, der den Weihnachtsbaum der Leutein ihrer ganz besonderen Lage vorstellte:

,, Fröhliche Lieder singend und einander aufmunternde Worte zurufend,legen dort, fünfzehn Schritte von der im Eis gefangen gehaltenen Te-getthoff entfernt, Matrosen letzte Hand an einen Eispalast, den sie eigenszur Feier des Festes erbaut haben. Seit mehreren Tagen schon schnittensie aus zusammengetragenen Eisstücken wohlgeformte regelrechte Zie-gel und bauten mit Hülfe wässerigen Schnees, der einen ganz vor-trefflichen Mörtel abgab, das diamanten schimmernde und glitzerndeHaus. Geheimnisvoll unter den Pelzen Päckchen verborgen haltend,huschen einzelne Gestalten durch die Pforten, kehren bald darauf zumSchiff zurück und kommen wieder, um ebenso mysteriös wieder vondannen zu eilen.

Der Tag neigt seinem Ende zu. Die Matrosen kleiden sich in das Beste,was sie noch besitzen, und halten ihren feierlichen Einzug in den Palast.Punkt 7 Uhr betritt der Stab den Saal. Es ist ein wahrhaft märchenhafterAnblick, der sich ihm bietet. Die mit Fahnen, Flaggen und bunten Tü-chern geschmückten und umrahmten Wände glitzern beim Lichte der seitMonaten zusammengesparten Kerzenstückchen und Oellämpchen wieriesige Edelsteine, die eine kundige Hand gefaßt. In der Mitte des Saalssteht eine lange, mit blendend weißen Linnen bedeckte Tafel, in derenCentrum sich der Christbaum erhebt. Wohl fehlt diesem alles, was ihmdas Recht geben würde, sich Baum zu nennen; nirgends auch nur die Spureiner Nadel der mit dem Fest so eng verknüpften hoffnungskündendenTanne, aber die geschickten Decorateure haben es verstanden, die in Formeines Baums zusammengefügten Holzstücke so reich mit rothem,weißem, blauem und grünem Papier zu verkleiden, daß man mit Aufwandeiniger Phantasie unter dem Flitter auch einen Tannenbaum vermuthenkann. An seinen dürren Zweigen hängen von hochherzigen Frauen Wiensund Polas eigens zu diesem Zweck gespendete Geschenke: Cigarrenbün-del zu je 50 Stück, Würste aller Art und Chocolade. Rings um den Baumbefinden sich 18 Gedecke mit Schinken und frischgebackenem Brot, undneben den Tellern liegen wiederum Geschenke: Meerschaumpfeifen,Cigarrenspitzen, Portemonnaies mit einigen Silbergulden gefüllt, Ta-schenuhren und in kleinen Flaschen diverse Schnapssorten, letztere von

6 Weyprecht, Károly, Gyula Payer: Jelentései az osztrák- magyar éjszaksarki expe-dítió bizottságához. In: Földrajzi Közlemények, 2. Jg., Budapest 1874, S. 259.