Aufsatz in einer Zeitschrift 
Mythos Czernowitz
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Andrei Corbea- Hoisie

ÖZV LXI/ 110

die mit ihrer von den deutschsprachigen Czernowitzern lange nochnicht völlig erlernten ,, Staatsprache erst recht eine Art ,, Doppelzün-gigkeit lehrte, setzte auf das Äusserliche dermaßen, dass das Seinnicht mehr vom Schein zu trennen war und dass man das Echte mitdem Künstlichen verwechselte: Die moralischen Sätze, die man zuhören bekam, traten in einen krassen Widerspruch zu dem unmittelbarErlebten, so dass das Kind, das noch nicht in der Heuchelei mit deneigenen Gefühlen geübt war, nur betrübt zusehen konnte, wie dieanderen Kinder ihre ,, Liebe zu der bis dato unbekannten Kindergärt-nerin bekundeten. Die ethische Relativität, die in der nächsten Umge-bung herrschte, verwunderte, amüsierte und schmerzte zugleich:wenn die Schwestern der sympathischen Czernowitzer Omama mitgewisser Neugier zusahen, wie sie vor dem Grab ihres längst ver-storbenen Mannes die Rollen der klagenden und der lustigen Witwescheinbar regungslos austauschte, so wurde die Beobachtung durch-aus kritisch, sobald die Existenz der Eltern in Betracht kam- ihre vonderen Kreis ganz akzeptierte bürgerliche ,, Respektabilität,( zu dernatürlich eine Bibliothek mit selten aufgeschlagenen Klassikerbän-den zählte), die auf einem in unklaren Verhältnissen im Krieg erwor-benen und später in ähnlich unklaren Bedingungen verlorenes Ver-mögen beruhte, aber ungeachtet dessen es ihnen erlaubte, ein prunk-volles und verschwenderisches Leben zu führen; auf den Leichtsinn,mit dem die Mutter auf die Erfüllung ihrer Wiener Jugendträumezugunsten eines ,, wohlbehaltenen Lebens" verzichtet hatte und ihreBemühung, trotz der schwelenden Unzufriedenheit die Fassade derglücklichen Ehe aufrecht zu erhalten; auf die Unfähigkeit des Vaters,seine Aufgaben als Familienvater und Unternehmer mit derselbenHingabe wie die momentanen politischen Aufträge zu erfüllen, unddie Unwägbarkeit, mit der er sich mit seinem sozialen alter egoidentifizierte, bis sein Vermögen, ungezwungen mit Frau und Kindernzu kommunizieren, teilweise beeinträchtigt wurde. Mit verblüffterResignation wohnt die Tochter der Szene bei, als der auf dem Sterbe-bett liegende Vater, dem einige Jahre zuvor beim Begräbnis derältesten, in den Selbstmord getriebenen Schwester nicht gelang, sei-nen seelischen Schmerz in Worte zu fassen, und jetzt endlich von demMisslingen seiner Lebensillusionen sprechen will, von der Mutter, diegemäß dem bürgerlichen Verhaltenskodex selbst in einem solchenAugenblick den offenen Worten eher ausweicht, davon abgehaltenwird.