Aufsatz in einer Zeitschrift 
Mythos Czernowitz
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2007, Heft 4

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Mythos Czernowitz

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tungen, absoluten und zugleich generellen Forderungen sieht, er-weist sich diese ,, bei genauer Betrachtung, so Helmut Spinner ,,, nurals eine andere Form der Desorientierung, die den Menschen auchnoch die Freiheit kostet. 25 Im vergoldeten Käfig einer konventiona-lisierten, dem bürgerlichen Kodex entsprechenden Vorstellung derCzernowitzer Lebenswelt, wirkt für die als Liane Schindler geboreneAutorin selbst der physische Raum, in dem man sich tagtäglichbewegt, als erstarrt und vor jeder für unangenehm und meist gefähr-lich gehaltenen Berührung mit dem sozial und kulturell Fremdenverriegelt: Die Kinder, die ihn erst zu entdecken haben, empfinden esam genauesten- zum Beispiel wenn sie zur Schule mit dem Wagengefahren werden müssen, damit sie sich nicht mit Gleichaltrigen ausniedrigeren sozialen Schichten mischen sollen. Vor allem wird in dengeräumigen, vom Straßenrummel abgeschotteten Villen das Sponta-mit anderen Worten alles, was nicht zum Berechenbaren und zum,, Vernünftigen gehört, zunächst einmal vermieden: Das nervöseZucken der Wiener Omama bei der geringsten Überraschung zeugtvom permanenten Alarm, dass das vorgetäuschte Gehäuse der eige-nen Gewissheiten dem Zugriff des aus allen Winkeln auflauerndenUnerwarteten preisgegeben sei. Jedes Zeichen einer Abweichungvom streng normierten Handeln, wie das Selbstgespräch eines Kin-des, gilt schon als, Verrücktheit. Darum werden die privatenGärten" dem auch symbolisch offenen Volksgarten vorgezogen, wennes um das Spielen der Kinder ging, das allerdings zu Hause nur nichtim Kinderzimmer, damit ,, nichts kaputt gemacht wird, stattfindendarf. In jenem Augenblick, als die zwei noch sehr jungen Mädchenaus ,, guter Familie das dringende Bedürfnis empfanden, sich gegen-seitig zu schwören, dass sie ,, ein ganz anderes Leben als ihre Elternführen werden, leiteten sie vielleicht den inneren und nicht geraderisikofreien Einsatz um die eigene Autonomie vom selbstgefälligenMythos ein, dessen, Grenzen sie von nun an nicht mehr für ,, natür-lich und unüberwindbar anerkennen wollten.

Retrospektiv weiß Ilana Shmueli solche Zustände beim Namen zunennen: ein ,, Mangel an Echtheit der sogenannten, anständigen Bür-gerlichkeit, an geistiger Orientierung, ein, Tun, als ob". Die Er-ziehung, sei es zu Hause oder in der ohnehin entfremdenden Schule,

25 Spinner, Helmut: Der Mensch als Orientierungswesen. In: Essbach, Wolfgang( Hg.): Wir/ ihr/ sie. Identität und Alterität in Theorie und Methode. Würzburg2000, S. 37-65, hier S. 47.