Aufsatz in einer Zeitschrift 
Mythos Czernowitz
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2007, Heft 4

Mythos Czernowitz

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dramatischen Schlussstrich unter die mit verbissener Beharrlichkeitgepflegte Illusion des hiesigen Großbürgertums, samt seinem Ver-mögen auch das gewohnte, für sich selbst günstige Machtgleichge-wicht bewahren zu können, denn die Behörden des neuen, Staats-volks begnügten sich nicht mit der Durchsetzung ihrer Sprache inder Verwaltung und Unterricht, sondern steuerten unverzüglich aufjene Politik- auch indem sie die rechtsextremen Bewegungen dulde-ten oder auch heimlich ermutigten-, die ein damaliger rumänischerPolitiker unter dem Ausspruch ,,, den Juden allmählich das Brot ausdem Munde zu nehmen, 22 verstanden haben mochte. Mancher Para-dezionismus derer, die weiter untereinander deutsch sprachen und zuHause ein Bild des greisen Franz Joseph hängen ließen, sollte ledig-lich die eigene Ratlosigkeit vor einer unübersichtlich gewordenenWelt tarnen, in der die altgediente imago ihres ,, exklusiven bürger-lichen Czernowitz, wo sie, Hitler zum Trotz, das Spiel der kulturellenErben eines immer entfernteren deutschsprachigen ,, Westens gernespielten, keineswegs mehr passte. Das von innen beobachtete Bilddes unruhigen Wartens und der Lähmung in der Vorahnung eineskommenden Schreckens, das Ninon Ausländer, die Tochter einer derCzernowitzer ,, guten Familien( und später die dritte Ehefrau Her-mann Hesses), in einem nach 1918 aufgezeichneten Gedenken an dieverlassene Heimatstadt festhielt, gilt bis in die späten 30- er Jahre alstypisch für die peinliche Anklammerung jenes Milieus an eine ent-fremdete, der eigenen Blendung anheimfallende Als- ob- Identität:,, Tief waren in uns der jüdische Fatalismus und das Eingeschlossen-sein in die bürgerlichen Konventionen eingeprägt. Wir verloren aberden Glauben, der mit jenem Fatalismus zusammenhing, und auch dieSelbstsicherheit, die die bürgerliche Macht verlieh. Wir waren ein-fach Gefangene, ohne aber die Gefängnismauern zu bemerken; wirsahen alles wie durch eine Glaswand und schauten, bis wir einmal andie frische Luft gelangten und uns den Kopf an der Wirklichkeit blutigstießen. Meist aber zog es uns gar nicht an die frische Luft, sondernwir wollten in der Gefangenschaft der Hauswände verharren".23

22 Es handelt sich um den rumänischen national- liberalen Politiker Nistor, Ion,Apud N. M. Gelber: Geschichte der Juden in der Bukowina. In: Gold, Hugo( Hg.):Geschichte der Juden in der Bukowina. Bd. I. Tel Aviv 1958, S. 11-66, hier S. 40.23 Kleine, Gisela: Ninon und Hermann Hesse. Leben als Dialog. Sigmaringen 1984,S. 35.