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Andrei Corbea- Hoisie
ÖZV LXI/ 110
nie gelungenen, öfters grotesken Imitation eines entfernten westli-chen Modells, die ständige und verzweifelnde Konfrontation ideellerWunschbilder mit dem kleinlichen Alltag, die Gewissheit einer bes-tenfalls spielerischen Unechtheit der eigenen Existenz kommenschon sehr früh in den im Wiener ,, Humorist“ veröffentlichten Kor-respondenzen aus Czernowitz zur Sprache: noch am 1. Januar 1842schreibt ein gewisser ,, Schwarzer Domino“ von ,, unserem trübenMaulwurfsleben“( Nr. 7/1842, S. 35), Anton von Borkowski erklärtin einer ,, Musikalischen Phantasterei“ dass ich nun in einem lang-weiligen Dorf, gefesellt durch Amtspflichte[ sitze]“( Nr. 144/1842),der bissige J. Kappadox meint, dass ,, mancher Wiener[...] bei demWorte, Klein- Wien' sich ein mitleidigen Lächelns nicht enthaltenkönnen[ wird]"( Nr. 261/1844, S. 1048) usw. Noch bevor ein TheodorMommsen sein vernichtendes Urteil über die Czernowitzer Universi-tät gefällt hatte, indem er sie laut Karl Emil Franzos als eine ,, k.u.k.Strafkolonie" titulierte, 20 war diese wenig schmeichelhafte Bezeich-nung von einem örtlichen Journalisten in Bezug auf die Bukowinaund ihren Ruf bei der ,, westlichen“ Beamtenschaft verwendet wor-den.21 Nicht zufällig tritt immer stärker in der lokalen Öffentlichkeitdes zu Ende gehenden 19. Jahrhunderts ein verzweifeltes Selbstbilddurch die damals bis zum Überfluss wiederholte Klage, die Bukowinaund ihre Hauptstadt seien von Wien wie ,, des Reiches Stiefkind"behandelt, in Erscheinung – vielleicht der einzige Reflex einer sichauch unterschwellig verdichtenden Unruhe, allein und ohnmächtigvor den ,, östlichen“ Bedrohungen zu bleiben, die über die ,, westli-che“ Enklave im ,, Osten“ im Zuge des politischen Verfalls des Libe-ralismus und des Aufstiegs der nationalistischen und irredentistischenParteien anwuchsen.
Der Erste Weltkrieg brachte für Czernowitz eine dreifache russi-sche Besatzung, die Flucht tausender Menschen nach Westen, dieVerelendung vieler Verbliebenen und letzten Endes die Interventionrumänischer Truppen nach einem Versuch ukrainischer Soldateska,sich der Stadt zu bemächtigen, was zu dem als vollendete Tatsachevon den Friedensverträgen anerkannten Anschluss der ganzen Buko-wina an das rumänische Königreich führte. Dies bedeutete auch einen
20 Franzos, Karl Emil: Erinnerungen an Mommsen. In: Neue Freie Presse,Nr. 14095 vom 22. November 1903, S. 1.
21 Vgl. den Leitartikel der Bukowiner Rundschau( Nr. 2749 von 11. Juni 1898) mitdem Titel ,, Die Strafkolonie".