2007, Heft 4
Mythos Czernowitz
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Schicht wirkte, die sich auch selbst an der Produktion dieser bildli-chen Codes beteiligte, und gleichzeitig etwa bei der rumänischen undruthenischen Intelligentsia, aber nicht minder bei den jüdischen In-tellektuellen, deren zornige Ausbrüche gegen die„ Bürgerlichen“ vonder Albert Maurübers expressionistischen Zeitschrift Der Nerv ausdem Jahre 1919 reichlich dokumentiert sind, oder dem jiddischspra-chigen, proletarisierten Kleinbürgertum gegensätzliche Reaktionenhervorrief.
Selbstkritische Akzente weisen dennoch schon die frühen in Czer-nowitz entstandenen feuilletonistischen Diskurse auf, die damit be-reits ein für ihr provinzielles Milieu erstaunliches modernes Bewusst-seinin der ironischen Demontage einer Empfindung an den Tag legen,die sich späterhin als selbständiger Topos geradezu obsessiv in derLiteratur der Czernowitzer re- produzieren wird: Czernowitz als be-wusst imaginierter ,, Westen im Osten", 18 als Ort, wo ,, der Osten denWesten spielt". 19 Das frustierende, mit einer kollektiven Neurosevergleichbare Bewusstwerden des Enklave- Daseins, der ewigen und
17 Krämer, Apud Markus: Czernowitz, das österreichische Jerusalem und Dr. BennoStraucher. In: Die Stimme, Nr. 48( 1949), S. 3-4.
18 Michael John und Albert Lichtblau sprechen in ihrer Abhandlung ,, Mythos, deutscher Kultur'. Jüdische Gemeinden in Galizien und der Bukowina“, in: Keil,Martha, Eleonore Lappin( Hg.): Studien zur Geschichte der Juden in Österreich.Bodenheim 1997, von einem„, imaginären Westen in Osten" nur im Verhältniszu dem kulturellen Selbstbewusstsein der deutschsprachigen Juden in der Buko-wina und Czernowitz( S. 96 ff.). Die Formel ist jedoch unseres Erachtens auchauf das historisch interessante Phänomen einer Art kollektiver ,, Neurose“ über-tragbar, die gerade von der spezifischen sozio- kulturellen Situation in Czerno-witz ausgelöst und durch individuelle mise en abîme gelegentlich auch ästhetischrelevant werden konnte. Das frustierende Bewusstwerden des Enklave- Daseins,der ewigen und nie gelungenen, öfters grotesken Imitation eines entferntenwestlichen Modells, die ständige und verzweifelnde Konfrontation ideellerWunschbilder mit dem kleinlichen Alltag, die Gewissheit einer bestenfalls spie-lerischen Unechtheit der eigenen Existenz kommen schon sehr früh in den im,, Humorist" veröffentlichten Korrespondenzen aus Czernowitz zur Sprache:Noch am 1. Januar 1842 schreibt ein gewisser ,, Schwarzer Domino“ von ,, unse-rem trüben Maulwurfsleben“( Nr. 7/1842, S. 35), Anton von Borkowski erklärtin einer ,, Musikalischen Phantasterei" unmittelbar nach dem CzernowitzerBesuch von Saphir- dass ,, ich nun in einem langweiligen Dorf, gefesellt durchAmtspflichte[ sitze]"( Nr. 144/1842), der bissige J. Kappadox meint, dass ,, man-cher Wiener[...] bei dem Worte, Klein- Wien sich ein mitleidigen Lächelns nichtenthalten können[ wird]"( Nr. 261/1844, S. 1048) usw.
19 Menninghaus( wie Anm. 2), S. 355.
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