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Mythos Czernowitz
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2007, Heft 4

Mythos Czernowitz

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Allerdings verbindet Menninghaus die heutige Aktualität des To-pos gerade mit der von Paul Celan und Rose Ausländer, den imdeutschen Sprachraum bekanntesten Czernowitzern, fixierten unddadurch sehr geläufig gewordenen Semantik: Die Erinnerung an dieStadt am Pruth, die ehemalige Metropole des östlichsten habsburgi-schen Kronlandes Bukowina, sollte hauptsächlich das ,, Versunken-Sein einer Welt evozieren, in der aufgrund des Bildungsideals desdeutschen Humanismus und in einem der Vielsprachigkeit günstigenMedium die Hoffnung auf eine kulturell fruchtbare deutsch- jüdische,, Symbiose einen ihrer Höhepunkte erreicht hatte. Über die rhetori-sche Formel hinausgehend, wie z.B. das viel zitierte Heraufbeschwö-ren der ,, Gegend, wo Menschen und Bücher lebten," weist Menning-haus auf zahlreiche zusammenhängende Bedeutungen hin, die gleich-zeitig nuancenreiche Ausblicke in Richtung ihrer ideengeschichtli-chen Phylogenese eröffnen; als die hochwertigste ideologische Quel-le solcher Wunschbilder und-gedanken erscheinen ihm nicht zufälligdie ,, halbasiatischen Feuilletons des von Celan als ,, wiedergefunde-ner Landsmann" aufgefassten Karl Emil Franzos, in denen dieserehemalige Czernowitzer Gymnasiast die Bukowiner Enklave und vorallem ihre Hauptstadt in der zweiten Hälfte des 19. Jahrhundertsemphatisch zum Muster der gelungenen ,, Mission Österreichs" imOsten Europas und der Verwirklichung des von dem ,, großen Joseph"gestifteten Planes eines ,, deutschen Culturstaates erklärt hatte.8

Franzos war 1875 gewiss kein ,, Erfinder" des Topos ,, Czernowitz"gewesen, den er jedoch durch seine geschickte ,, Arbeit am Mythos"ausbaute und wesentlich mitgestaltete; auch der Czernowitzer Abge-ordnete Tomaszczuk hatte ein Jahr zuvor seinen Kollegen nichtsNeues mitgeteilt, als er vor der Wiener Kammer behauptete, dass die,, Ruthenen und Rumänen der Bukowina der germanischen Kultur-richtung zuneigen.9 Die Belege des Stereotyps, mit dem dieAnerkennung der provinziellen, Andersheit der Bukowina assozi-

6 Menninghaus( wie Anm. 1), S. 347: ,, Ein, unmöglicher Weg, ja ein, Weg desUnmöglichen müsse, gegangen werden, um wenigstens im Gedicht eine, Begegnung mit dem Gesuchten zu ermöglichen."

7 Celan, Paul: Ansprache anlässlich der Entgegennahme des Literaturpreises derFreien Hansestadt Bremen. In: Allemann, Beda, Steffen Reichert( Hg.): Gesam-melte Werke in fünf Bänden. Bd. 3, Frankfurt am Main 1983, S. 185.

8 Franzos, Karl Emil: Ein Culturfest. In: Aus Halb- Asien. Culturbilder aus Galizi-en, der Bukowina, Südrußland und Rumänien. Leipzig 1876, S. 186.

9 Wagner, Rudolf( Hg.): Alma Mater Francisco Josephina. München 1975, S. 26.