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Literatur der Volkskunde
ÖZV LXI/ 110
Neben den politischen, wurden vor allem die poetischen Implikationenethnographischen Schreibens kontroversiell diskutiert und experimentelleAnsätze des Forschens und Darstellens entwickelt. Stand im Umfeld des,, Linguistic Turn" der fiktive Gehalt wissenschaftlicher Texte zur Debatte,so gilt im Umfeld des„, Pictorial Turn" das Interesse den„, poetics andpolitics" visueller Repräsentationen, wie die wachsende Zahl an Publikatio-nen zur Zukunft der Anthropologie des Visuellen zeigt.
In diesem internationalen Forschungskontext lässt sich der 2006 imBerg- Verlag( Oxford/ New York) erschienene Sammelband ,, ContemporaryArt and Anthropology" verorten. Erklärtes Ziel der Herausgeber ArndSchneider( University of Oslo) und Christopher Wright( Goldsmiths Uni-versity of London) ist es, das bislang noch nicht ausgeschöpfte visuellePotential der Textualisierungsdebatte kreativ weiter zu entwickeln. Denersten Schritt bildete die internationale Konferenz ,, Fieldworks. Dialoguesbetween Art and Anthropology", die 2003 in der Tate Modern( London) vonSchneider und Wright veranstaltet wurde. Mit dem Buch„, ContemporaryArt and Anthropology" liegt nun eine gedruckte Bündelung ihres Vorhabensvor, ethnographische Erfahrung und Repräsentation aus visueller Perspektivezu debattieren. Dabei soll das bereichernde Potential einer Begegnung zwischenzeitgenössischer bildender Kunst und Anthropologie erkundet werden ,,, tostimulate new and productive dialogues between the domains of contemporaryart and anthropology."( S. 1) Der programmatische Einleitungstext ,, The chal-lenge of Practice" liest sich folglich als Plädoyer für eine grenzüberschreitendeKollaboration zwischen WissenschaftlerInnen und KünstlerInnen. Getragenvon der Vision, mit dem Künstler als Komplizen die rationale Welt wissen-schaftlicher Forschung und Repräsentation mit mehr Kreativität und Sinnlich-keit anzureichern, fordern Schneider und Wright die Entwicklung multisensu-eller, synästhetischer Forschungs- und Darstellungspraktiken.
Im zweiten Textbeitrag ,, Appropriations“ entwickelt Arnd Schneiderseine Argumentation für eine Zusammenarbeit zwischen KünstlerInnen undAnthropologInnen weiter. Er legt den aneignenden Umgang mit kulturellerAndersheit als grundlegende Strategie sowohl der zeitgenössischen Kunstals auch der Anthropologie dar. An dieser Schnittstelle der ,, Appropriation"des Anderen verortet er nicht nur die Möglichkeit fruchtbaren Austauschszwischen den beiden Feldern, sondern die Basis für kulturellen Wandelüberhaupt. Gestützt auf postmoderne Forschungsansätze( etwa von JamesClifford und George Marcus) sowie auf Beispiele aus der Kunst des 20.Jahrhunderts( von Pablo Picasso über Joseph Beuys bis hin zu AlfredoPortillo) entwirft Schneider ,, Appropriation" als„, creative technique" derVermittlung zwischen kulturellen Differenzen. Dabei argumentiert der An-thropologe vor allem hermeneutisch und streift die differenten sozialen,