Jahrgang 
110 (2007) / N.S. 61
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Literatur der Volkskunde

ÖZV LXI/ 110

tisierung angebracht ist: Zu den Opfern gehören oft genug auch Juden. Allzusehr steht hier die Frage nach der oppositionellen Handlung im Vordergrundund nicht die Analyse der gesellschaftlichen Beziehungen. Immer nur Wi-derstandskulturen suchend, wird der Staat nicht als- in wie widersprüchli-cher Weise auch immer- Element gemeinschaftlicher Lebensgestaltunginterpretiert, an der in der Demokratie- trotz aller nach wie vor bestehenderInteressenunterschiede und trotz des wachsenden Abstandes zwischen Armund Reich alle Mitverantwortung auf allen Ebenen tragen.

Am Beispiel der Mössingen- Studie zur frühen Opposition gegen dieNS- Machtübernahme werden Probleme der Tübinger Forschungspraxis, ausder Warneken kommt, benannt: Die ,, Anderen", die Nazis im Dorf werdennicht aus der Nähe betrachtet; Feldforschung gibt es nur bei den linkenProtagonisten. Das ist auch bei der Erforschung von Jugendkulturen einMangel. Die ,, Verstehensarbeit( S. 292) ist besonders schwierig bei rechtenCliquen, obwohl es gerade bei Skins an empirischer Umsicht mangelt, daherKlischees Urständ feiern. Politisch- soziologisch- anthropologische Studienz.B. von Michael Mann und Jacques Sémelin widmen sich inzwischen derVerstehensarbeit bei den Tätern von Massakern und Völkermord- so etwaskönnte auch von Europäischen Ethnologen kommen.

,, Soziale Milieus sind schließlich keine Monaden, sondern mit gesamtge-sellschaftlichen Strukturen und Prozessen vermittelt, schreibt Warneken;deswegen solle Unterschichtenethnographie auch keine eigene Disziplin,sondern nur Arbeitsschwerpunkt der Europäischen Ethnologie sein( S. 338):Das hätte stärker herausgearbeitet werden können.

Beziehungen zwischen den sozialen Milieus, wie sie immer wiedersichtbar werden, bestätigen den Bedarf an auf die gesamte Gesellschaftbezogener Kulturforschung. Bei der, konsumtiven Kreativität der Jugend-lichen z.B. ist zu vermuten, dass Jugendkulturen nicht einfach schichtspe-zifisch oder ethnisch bestimmt sind, sondern in den jeweiligen Milieus sichSchichten auch begegnen( können). Auch bei den Konsum- und Medienstu-dien ist die Fokussierung auf Unterschichten nicht immer hilfreich, wennselektive Medienrezeption mit je eigenen Dekodierungsmustern in verschie-denen Milieus untersucht und der aktive Rezipient zum Thema wird.

,, Mit Grund hat sich die Ethnographie, die auf die innere Logik unter-schiedlicher Kulturen zu achten gelernt hat, mit pädagogischen und politi-schen Eingriffen von außen und oben immer schwer getan. Das muss abernicht heißen, dass sie die von ihr propagierte und entwickelte Fähigkeit, aufdie eigenen kulturellen Borniertheiten zu reflektieren, wie weithin üblich inSelbstzurücknahme münden lässt, sondern sollte das Forschungsziel ein-schließen, die Selbstreflexion auch bei den Untersuchten zu fördern und zufordern."( S. 205)