Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde110 (2007) / N.S. 61Theweleit, Klaus: Psychoanalyse ist keine philologische Interpretationsmethode sondern Kunstarbeit

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Psychoanalyse ist keine philologische Interpretationsmethode sondern Kunstarbeit
Einzelbild herunterladen
 
  

326

Klaus Theweleit

ÖZV LXI/ 110

Singer entdeckt. Materielle Prozesse. Was zwischen Personen pas-siert im analytischen und auch in diesem Raum hier geschieht inSchwingungen auf bestimmten Frequenzen. Nicht irgendetwas Ide-elles oder Metaphorisches; da wird etwas übertragen auf Wellen.Wellen sind Substanzen, die Luft ist ja nicht nichts, nicht nur derSubwoofer in der Disco- der Bass, der in den Magen haut, unhörbaraber präsent- alle unsere Absonderungen sowie die Absonderungender Übertragungstechnologien gehen auf ähnliche Weise in unsereKörper und die Körper der anderen, über die Haut, über das Ohr undorganisieren Anziehungen und Abstoßungen und, bei erhöhter Ener-gie, Verwandlungen. Nichts anderes macht die Psychoanalyse, wo sieenergetisch klappt. Und das ist keine primär wissenschaftliche Arbeit,das ist ein affektives Drama, ein energetisch- technologisches Dramazwischen divergenten Affektpositionen. Ein Drama, dass vom Ener-gieaustausch her die Produktionsprozesse in den diversen Künstenparallelisiert.

Wenn man das überträgt und in Beziehung setzt zur Frage nachdem Verhältnis von Psychoanalyse und Geisteswissenschaften, ergibtsich: der analytische Prozess verläuft nicht parallel zur Interpretationvon literarischen Texten. Psychoanalyse ist keine philologische Inter-pretationsmethode. Ihre derartige, Anwendung', wie es so penetrantheißt, ist ein universitärer Missbrauch, allerdings von Freud selbst aufden Weg gebracht im leichtfertigen Umgang mit Wilhelm JensensGradiva- Novelle; über die Freud, analytisch deutend, herfiel. ZurMethode dann komplettiert von Rank, komplettiert zur endlosenMotivhuberei Inzest von den Fidschi- Inseln bis ins bürgerlicheDrama des 19. Jahrhunderts immer noch gern praktiziert in manchengermanistischen Seminaren. Man entdeckt überall Ödipus, undschreibt entsprechend ödipal, grammatisch schematisch, wissen-schafts- bürokratisch. Man steht aber einem Kunstwerk, wenn man estatsächlich aufnimmt, nicht als Interpretator gegenüber, als kalterDominator. Übertragung ist auch hier das Zauberwort. Man muss dieEnergie, die im Kunstwerk verdichtet ist, beleben, in sich lebendigmachen. In diesem Prozess fängt auch das Kunstwerk an, sich zubeleben, es verändert sich und man selber verändert sich in einerArt Energieaustausch. Es geht um wechselseitige Metamorphosen.Um die Metamorphose auch als eine Form theoretischer Arbeit.Artistik, Kunstarbeit als Theoriearbeit unterscheidet sich grundsätz-lich von interpretatorischer oder philosophischer Theoriebildung.