Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde110 (2007) / N.S. 61Theweleit, Klaus: Psychoanalyse ist keine philologische Interpretationsmethode sondern Kunstarbeit

  
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Psychoanalyse ist keine philologische Interpretationsmethode sondern Kunstarbeit
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Klaus Theweleit

ÖZV LXI/ 110

Ödipus, Conrad Ferdinand Meyers Novellen spielen eine große Rolle,Heine und die Schriften der deutschen Romantiker; Freud denkt undentwirft sein Traumbuch in Auseinandersetzung und parallel zu denTexten dieser Autoren, er definiert sich faktisch als Künstler- Doktor( im Drahtseilakt der Selbstanalyse, Traumanalyse). Das Wort Psycho-analyse selber ist eine Erfindung der Briefe an Fließ. Alle analyti-schen Begriffe werden hier erfunden und ausprobiert. Freud machtdas im Wissen und in dem Widerspruch, den Helmut Dahmer ange-sprochen hat, dass er die Psychoanalyse als Naturwissenschaft aus-gibt und genau weiß, es ist keine. Er weiß auch genau, es ist nichteinmal eine Wissenschaft. Er weiß, es ist ein artistischer Prozesszwischen Zweien, aber wenn er damit vor die Leute träte und dannnoch als Traumdeuter und dann noch als jüdischer Traumdeuter, alskomischer Bibel- Joseph, dann würde er im Wiener Universitäts-betrieb eine lächerliche Figur; was ja auch so versucht worden ist:eine aus ihm zu machen. Aber meiner Meinung nach ist ihm dieserWiderspruch sein Leben lang bewusst. Auch die Erforschung derChemie und Elektrizität des Gehirns hätte er gern weiter betrieben.Aber hat gesehen, das ist mit den Mittel seiner Zeit nicht möglich.Die Naturwissenschaft war nicht weit genug. Und: Patienten konnteman damit nicht behandeln. Man konnte vielleicht Professor derNeurologie werden damit, aber nicht analytisch praktizieren. Alsoweg damit; unter Verschluss. Freud glaubt lange, sein Hirnfor-schungs- Entwurf sei vernichtet. Aber Fließ' Witwe hat die Briefeaufbewahrt, Marie Bonaparte erwirbt sie und hat sie, entgegen Freudsursprünglichem Wunsch, der Nachwelt erhalten. Wir kennen daherdie Genese der Traumdeutung als Kunstwerk recht genau. Das habenwir Marie Bonaparte zu verdanken; einer jener Frauen, die- FreudsWunschvorstellung erfüllend- von der Position auf der Couch in diePosition dahinter wechselte( apropos Laienanalyse).

Diese Wendung zur Kunstarbeit, in der die Freudschen Verfahrenetwas Universalistisches bekommen, geschieht rein experimentellund nicht etwa komplett, durchdacht'. Der Mann ist mutig: er hat denMut- als nun 15 Jahre lang praktizierender Psychiater- im Jahr 1897sich und dem Kollegen Fließ einzugestehen, dass weder seine medi-zinischen noch seine psychologischen Verfahren auch nur in einemeinzigen Fall wirklich erfolgreich waren. Die Pathologien seiner

3 Siehe den Beitrag von Helmaut Dahmer in diesem Band, S. 309–314.