Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde110 (2007) / N.S. 61Theweleit, Klaus: Psychoanalyse ist keine philologische Interpretationsmethode sondern Kunstarbeit

  
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Psychoanalyse ist keine philologische Interpretationsmethode sondern Kunstarbeit
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Klaus Theweleit

ÖZV LXI/ 110

denn bloẞ Blödheit war es nicht. So geht also die Adoleszenz heuteaus guten Gründen bis in die 30- er, wo die Generation unserer Altenmit 50 schon halb vergreist war.

Die politischen Aktionen, Leben auf der Straße und in Kneipen, dieWG- Kämpfe, Küchendiskussionen etc. als eine Form wilder Analy-sen zu sehen, regellos und anarchistisch und befeuert vom Kino, aberdurchaus im Bewusstsein, mit den wilden Deutungs- und Erklärungs-versuchen des eigenen Zusammenlebens am psychoanalytischen Pro-zess zu partizipieren, wirft die Frage auf nach dem, was bei FreudLaienanalyse hieß. In der institutionellen Psychoanalyse wurde dieLaienanalyse um 1980 herum abgeschafft, so dass die Psychoanalyseauch in Deutschland mehr und mehr zu einer medizinischen Institu-tion wurde, so wie Helmut Dahmer es beschrieben hat. Freuds Dik-tum, die Psychoanalyse sei eine zu wichtige Sache, um sie den Ärztenzu überlassen, wurde von der analytischen Institution selbst partiellüberhört. Die psychoanalytischen Organisationen, auf die analytischeArbeit beschränkt, sind seither- mehr als immer schon- auf äußereAnstöße aus anderen Richtungen angewiesen, um ihre eigene Ge-schichte, ihre eigene Substanz, ihre eigenen gesellschaftlichen Poten-zen nicht in der alltäglichen Analysearbeit zu vergessen oder zuverlieren.

Freud selber kann man übrigens als einen der ersten relativ alters-losen Menschen des 20. Jahrhunderts bezeichnen. Adoleszent bis insGreisenalter: nie aufgehört,( seine Theorien) zu spielen. Wer sichbei dauernder Arbeit- in Sprüngen, Brüchen, Risiken entwickelt unddennoch eine Kontinuität wahrt( alter Slogan: sich treu bleiben), deraltert nicht im normativ vorgegebenen Tempo einer Kultur.

Freuds eigener Entwicklungsgestus ist tatsächlich der Gestus derRebellion und der eines permanenten theoretischen Sprungs. Er be-ginnt ja als gelernter Neurologe, macht Entdeckungen im Nervensy-stem von Flusskrebsen, arbeitet als Klinikpsychiater, entdeckt dieanästhesierende Wirkung von Kokain, experimentiert damit, lässtsich anstecken von Charcots Pariser Hypnose- Praxis, überwirft sichmit allen Wiener Autoritäten, bis ihm nur noch sein Berliner Hals- Na-sen- Ohren- Brief- Freund Wilhelm Fließ als einziger Publikumbleibt, wie Freud in Anlehnung an Nestroy formuliert hat. Und dannin diesem riesigen Briefpaket im Jahr 1895 ein dickes Manuskript mitdem Titel: Entwurf einer Psychologie, ein ambitionierter Text miteiner chemo- elektrischen Theorie der Gehirnfunktionen. Freud hatte