Aufsatz in einer Zeitschrift 
Dämonen und Schreckgestalten der Kindheit : zur Edition von Richard Beitls ungedruckter Habilitationsschrift „Untersuchungen zur Mythologie des Kindes“ von 1933
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Bernd Rieken

ÖZV LXI/ 110

sich schließlich das grüne Krokodil materialisierte und für uns Kinderzu einer ernsthaften Gefahr wurde, denn wir wussten, dass die wahrenKrokodile grün sind., Unser' grünes Krokodil war eine Plastikhand-puppe aus einem Kasperltheater, im Grunde genommen ein riesigesMaul mit Plastikzähnen, das mein Vater auf einem Flohmarkt erstan-den hatte. Mit diesem zwickte er uns schließlich auch in Arme undBeine, mit lang anhaltender Wirkung. Erst spät schenkte uns der Vaterdie Puppe, und wir konnten sie in unser Kasperltheaterensembleintegrieren, wobei es dem Kasper selbst dann an den Kragen ging, dadie Stücke stets mit seinem Gefressenwerden endeten." 62

Während das Krokodil allmählich seinen Schrecken erregendenGehalt einbüẞt, wirken die folgenden Disziplinierungsversuche nach-haltiger, da in ihnen reale Eltern gewissermaßen zu Dämonen werdenund als warnende Beispiele fungieren:

,, Ich sitze mit meiner Mutter an ihrem Festtag[= Muttertag,Anm. B.R.] auf der Terrasse eines Ausflugsgasthauses im Mühlvier-tel, das Essen schmeckt, die Sonne scheint, der Fernblick ist beein-druckend. Da läuft ein weinendes Kind vorbei. Ich hätte es gar nichtbemerkt oder ihm Aufmerksamkeit geschenkt, hätte nicht meineMutter, fast beiläufig, gemeint: Siehst du, bei so plärrenden Kindernkann ich Eltern verstehen, die ihre Kinder aus dem Fenster werfen[...]. Es ist diese, Meldung, die meine Erinnerung auffrischt undmich weiter zurück in meine Kindheit führt, als meine Mutter nachder Scheidung von meinem Vater mit ihrem ersten Freund Hanszusammen war. Beide waren anscheinend allein durch die Tatsacheüberfordert, dass meine Schwester und ich überhaupt auf der Weltwaren[...]. Und da wurden derlei reale Fälle, die in den Medienkolportiert wurden, manchmal ebenso beim Mittagessen, affirmativkommentiert. Man müsste die Zeitungen der 1980er Jahre durchfor-sten, aber folgende Fälle von gewalttätigem( Klein-) Kindesmiss-brauch sind mir noch sehr lebhaft in Erinnerung: Baby absichtlich mitheißem Wasser verbrüht. Begründung der Eltern: Es wollte seinenBrei nicht essen[...].- Baby von eifersüchtigem Freund gegen dieWand geschleudert. Begründung: Es habe nicht aufgehört zu schrei-en.- Kind jahrelang in eine Kiste gesperrt. Entschuldigung: Die Kistehabe ja eh Luftlöcher zum Atmen gehabt.- Kind mit Polster erstickt.

62 Freundliche Mitteilung per Mail am 19.05.2007 von Mag. Philipp Mettauer,wohnhaft in Wien, Historiker.