278
Bernd Rieken
ÖZV LXI/ 110
Hingegen greife die Entwicklungspsychologie zu kurz, wenn siemeine, die Entstehung mythologischer Vorstellungen im Kinde alleinauf so genannte abergläubische Erzieher zurückführen und durch,, Aufklärung" eliminieren zu können. Denn dann berücksichtige siedie Bedeutung der mythisch- magischen Welt für die Entstehung derkindlichen Furcht zu wenig.33 Es genüge nämlich ,, ein Blick in irgendeine Sammlung von Sagen oder von deutschem Volksglauben[...],um uns von der fast unbegrenzten Herrschaft mythischer Gebote undVerbote zu überzeugen“. 34 Diese Furchtvorstellungen seien nicht daspersönliche Eigentum von Individuen, sondern Teil einer ,, geistigenErbmasse“, die von den Angehörigen der jeweiligen Kultur an dieNachkommen weitergegeben würden. Dazu zählten unter anderemSagen, Märchen und die Überlieferungen des Volksglaubens.35 Inunsere heutige Sprache übersetzt würden wir nicht mehr von ,, geisti-ger Erbmasse", sondern eher vom ,, kulturellen Gedächtnis“ sprechen.Jan Assmann formuliert das, was Beitl im Sinn gehabt haben dürfte,folgendermaßen:„ Das individuelle Gedächtnis baut sich in einerbestimmten Person kraft ihrer Teilnahme an kommunikativen Prozes-sen auf. Es ist eine Funktion ihrer Eingebundenheit in mannigfaltigesoziale Gruppen, von der Familie bis zur Nations- und Religionsge-meinschaft." 36
-
-
Dazu zählen auch die Angstvorstellungen im Kinde, die aus demmythischen bzw. magischen Denken erwachsen. Sie nicht einfachwie es die zeitgenössische Entwicklungspsychologie großteils tatals Resultante unaufgeklärter, abergläubischer Erzieher abtun zu kön-nen, bezeichnet Beitl als einen Fortschritt, der durch die Arbeit desADV ermöglicht worden sei.37 Hätte er von Jean Piagets bahnbre-chender Monographie ,, Das Weltbild des Kindes“ gewusst, die be-reits 1926 auf Französisch erschienen war, so hätte er dort eineBestätigung seiner Auffassung finden können. 38 Piaget analysiertdarin das Denken drei- bis neunjähriger Kinder und fragt, wie diese
33 Beitl( wie Anm. 1), S. 352f.34 Beitl( wie Anm. 1), S. 346.
35 Beitl( wie Anm. 1), S. 350.
36 Assmann, Jan: Das kulturelle Gedächtnis. Schrift, Erinnerung und politischeIdentität in frühen Hochkulturen. 4. Aufl. München 2002, S. 36f.
37 Beitl( wie Anm. 1), S. 350.
38 Piaget, Jean: Das Weltbild des Kindes. Frankfurt am Main, Berlin, Wien 1980( Orig. 1926).