Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde110 (2007) / N.S. 61Kubik, Gerhard: „Floating" – eine ethnopsychoanalytische Feldforschungstechnik

  
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„Floating" – eine ethnopsychoanalytische Feldforschungstechnik
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Gerhard Kubik

ÖZV LXI/ 110

durchführen würde wie bei meinen Feldforschungen in Nord-Moçambique 1962.

Im Hause des Ehepaars Dias betrachtete ich lange eine Karte vonAngola. Ich sah mir die Populations- Dichte an, die geographischenSchwerpunkte der portugiesischen Präsenz, und jemand sagte mirdann, der Südosten des Landes sei so abgelegen, dass man ihn ,, dasEnde der Welt"( o fim do mundo) nenne. In diesem Moment wussteich, wohin ich wollte: zum Ende der Welt!

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Ich flog nach Angloa, musste mich dort aber bei einer Institutionmelden, die mir zu meinem Entsetzen einen, sociologo" alsBegleiter mitgeben wollte. Die PIDE( Policia Internacional de Estado)interessierte sich auch für mich, denn sie wollte sicherstellen, dass ichkeinerlei politische Absichten hätte. Schließlich schätzten mich alle alsharmlos ein. Ich war aber mehr als harmlos, denn ich war auch nichtbereit, irgendjemandes Interessen zu meinen eigenen zu machen.

Als ich merkte, dass man mich in Luanda festhalten wollte, um aufden ,, sociologo" zu warten, der mich im Landrover zum, Ende derWelt" fahren würde, reagierte ich mit Flucht, unter Zuhilfenahmemeiner alten Methode: Autostop. Ohne jemanden etwas zu sagen,stellte ich mich eines Morgens an den Straßenrand Richtung Dondo,und schon nach wenigen Minuten nahm mich ein Lastwagen mit.Meine Gepäckstücke waren ein Rucksack und eine Handtasche, mitTonbandgerät, Photokamera, Ciné- Kamera, Zelt, Schlafsack, Wasser-flasche etc. Alles trug ich selbst. Schon am Vormittag war ich hundertKilometer weitergekommen, ich trieb ,, floating". Bald stellte sichaber heraus, dass ich jetzt nicht mehr in Richtung ,, Ende der Welt"driftete, sondern nach Südwestangola, in das Gebiet von Quilengues,heute in der Província de Wila. Ein Missionar hatte mich mitgenom-men, eine große Strecke, bis dorthin. In Dinde meldete ich mich beider Administration, bei einem sehr freundlichen Chefe de Posto, deraus Timor stammte und gerne alle meine Wünsche erfüllte. Ich hattenicht viele: ich wollte nur einen Schuljungen finden, der die lokaleSprache beherrschte und bereit sein würde, mich in die Dörfer derVankhumbi, Vahanda und anderer zu begleiten.

So begannen meine Feldforschungen anderswo als ursprünglichvorgesehen, bei einer anderen Population und mit leichter Abwand-lung der Interessen. Ich stieß dort auf die ekwenje( Jungen- Beschnei-dungsschule), studierte sie, wie auch die noch intakte alte Bautechnikder Häuser in den Dörfern, neben den Musikinstrumenten. Auch das