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Gerhard Kubik
ÖZV LXI/ 110
genau am 20. Juli 1958 in der Wald- Wildnis bei Äkäslompolo, Suomi( Finnland). Am 30. Juli schrieb ich, es sei ,, wie ein Haus um sich darinzu verkriechen.“ Und ausführlicher:
,, Es ist wirklich ein Halt, merkwürdig! Man kann sich also festhal-ten an dem gleichmäßigen schwarzen Fluss der Buchstaben. Mankann sie umranken, man kann neue Gedanken um das Alte spinnen,man kann verändern, modulieren."
Die Eintragungen waren nicht regelmäßig; ich zwang mich nichtdazu. Ab 1959, als ich meine afrikanischen Forschungsreisen begann,teilte ich die Aufzeichnungen zunächst in persönliche und wissenschaft-liche. Wenige Jahre später gab ich diese Unterscheidung auf, sodass nunfür den Gesamtbereich eine sehr genaue Chronologie vorliegt.
In diesen Tagebüchern sind äußere und innere Ereignisse im Sinnezufälliger Event- Abfolgen festgehalten, oft frei assoziativ. Man treibtsozusagen auf dem Meer der Ereignisketten, kann aber auch spontandie Richtung ändern, wenn äußere oder innere Kräfte einen dazuveranlassen. Entdeckt man ein wissenschaftliches Problem kann manden Autopiloten auch abstellen, um nun ganz konventionell dasProblem zu lösen. Gibt es nichts mehr zu verfolgen, stellt man denAutopiloten wieder an.
Diese Haltung bei Reisen und bei der Feldforschung begann ich inden 1990er Jahren ,, floating“ zu nennen. Technisch ist dabei vielesinvolviert. Wer die Methode zur unvoreingenommenen Entdeckungwissenschaftlicher Fragen anwenden will, muss lernen, schnell zureagieren, Daten blitzschnell aufzuzeichnen. Es bedarf einer Selbst-schulung, jenen Gleichgewichtszustand zu erreichen, der das Fensterunserer Wahrnehmungen beträchtlich erweitert. Wichtig ist aber, dassbeim floating keine präkonzipierten Fragen verfolgt werden, umausschließlich zu ihnen Material zu sammeln. Wer das tut, ist sofokussiert, dass er allzu leicht alles andere übersieht, das sich anbietet,und die goldene Chance einer wirklichen Forschungs- Entdeckungverspielt.
Können Sie, liebe Leserin, so schnell schreiben wie jemandspricht? In bis zu sechs verschiedenen Sprachen? Deutsch, Franzö-sisch und Englisch wäre das Mindeste. Können Sie stenographierenund sich unbemerkt von einem Gespräch Notizen machen; am bestennachdem es stattgefunden hat?
Oder verderben Sie sich von vorneherein die Chance, indem Siesich mit Fragebögen oder mit Laptop und Mobiltelephon vor Ihrem