Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde110 (2007) / N.S. 61Kubik, Gerhard: „Floating" – eine ethnopsychoanalytische Feldforschungstechnik

  
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„Floating" – eine ethnopsychoanalytische Feldforschungstechnik
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2007, Heft 2-3,, Floating"- eine ethnopsychoanalytische Feldforschungstechnik 253

Autostop

Ich hatte mich frühzeitig mit Sigmund Freud beschäftigt, schon alsSechzehnjähriger an Sonntagen im Kongressbad, Wien 16, mit der,, Traumdeutung in der Hand. Freud wurde Teil meines Ich- Ideals,so intensiv, dass ich bei meinem unvergesslichen Französisch- undDeutsch- Lehrer bis zur Matura, Dr. Friedrich Demel, in meinenSchulaufsätzen seinen Stil nachahmte, so gut mir dies gelang. Baldkamen auch andere Autoren als Vorbilder dazu, Stefan Zweig, FranzKafka, Arthur Schopenhauer, George Orwell etc. Eine für meinewissenschaftliche Laufbahn prägende Erfahrung waren aber die Au-tostop- Reisen durch ganz Europa. Heute würde ich niemandem dazuanraten, aber damals, in einer anderen Zeit und anderen Kultur wardies eine Chance für junge Leute. Die Eindrücke, die ich als etwaZwanzigjähriger in vielen Ländern, von Spanien, wo ich die Halb-wüste der Los Monegros Glossar ::: zum Glossareintrag  Monegros durchwanderte, bis nach Frankreich, Italien,England und Skandinavien gewann- jedes Jahr war ich etwa dreiMonate auf Tour- gruppierten sich wie eine Kette freier Assoziation,als ob die Wirklichkeit vor mir als Analysand auf der Couch liege,und ich müsste nun diese Eindrucksketten, diese Event- Folgen deu-ten. Irgendwo im Universum befand sich Ego als winziger Punkt undregistrierte das Ganze wie es sich im einzelnen nicht voraussehbar-abwickelte. Ein Fahrer setzte mich an einer Straßenkreuzung ab; eswurde Abend, ich wanderte weiter bis zu einem Dorf oder einemgeeigneten Platz, um mein Zelt aufzuschlagen. Ameisen überfielenmich im Schlaf. Es konnte auch sein, dass ich auf Menschen stieß;vielleicht war gerade ein Fest im Gange, von Menschen einer anderenKultur und Sprache Einmal schlief ich auf dem Schotter des RioGallego mit dem Blick direkt in den Sternenhimmel.

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In den ersten Jahren dieser Reisen( ab 1954) führte ich in Wien eine,, Chronik", in die ich dann alles, von Fahrscheinen der Pariser Metro,Kinokarten, Fotos, Briefe und Rechnungsbelege für Brot und Leber-pastete( pâté de foie) aus verschiedenen Städten einklebte. Hans Arpund André Breton inspirierten mich. In Paris, früh am Morgen,sammelte ich angefaulte Äpfel und Tomaten auf dem Markt, nochbevor die Marktfrauen erschienen, um sie zu verzehren.

Meine literarischen Versuche und Eindrücke schrieb ich auf Zettelnauf oder Packpapier, so in Spanien und Portugal 1957. Erst ein Jahrspäter begann ich ein Tagebuch zu führen. Meine Tagbücher beginnen