Aufsatz in einer Zeitschrift 
Kultur als Oberfläche : zur methodischen Not und Notwendigkeit, in die Tiefe zu gelangen
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2. Was heißt: Oberfläche?

Martin Scharfe

ÖZV LXI/ 110

Der, zugefrorene See' ,, glatte Oberfläche: was- nun in Beziehunggesetzt zu Kultur-, was hieße das?, Glatte Oberfläche meint ja: derBlick wird irritiert und weggepiegelt ,, Eis auf dem See' meint: derBlick ist blind, er kann nicht eindringen. Der Ausdruck, Kultur alsOberfläche will also sagen- und das ist ein höchst theoretischer Satzmit unermeßlichen methodologischen Folgen-: Kultur ist Verhül-lung, Verschleierung, Verkleidung, Maskierung.

Alltagsbeispiele, die die Metapher, kulturelle Verhüllung an-schaulich machen, sind rasch bei der Hand: die Kleidung etwa, diemeinen Körper dem öffentlichen Blick entzieht; das Haus, das mirIntimität jeglicher Art ermöglicht; Tätigkeiten wie die Nationalhym-ne mitsingen, das Vaterunser mitmurmeln, eine schwarze Trauerkra-watte tragen: alles gebräuchliche Handlungen, die mir erlauben,meine wahren Gesinnungen zu verbergen( oder die mir ersparen, mirund anderen Rechenschaft über meine wahren Gesinnungen zu ge-ben); die Sprache des Alltags, die so tut, als sei etwas gesagt; deröffentlich ins Bild gesetzte Händedruck der Politiker und Bosse,dessen Skopus Einvernehmen und Vertrauen und Bekräftigung desVersprechens sein soll- dabei wissen wir doch alle, was hinter einemHandschlag sich verbergen kann: das geht von der innigsten eroti-schen Berührung bis zum kältesten Affront von Lüge, Tücke, Verrat,Betrug.

Das späte 18. Jahrhundert hat das unter der Chiffre Verstellungdiskutiert, wie man an des Freiherrn Adolph von Knigge erstaunli-chen Buch von 1790 sieht, das fast präpsychoanalytisch anmutet mitder Formel, der Mensch sei ,, fremd in seinem eignen Hause ,,, fremdin seinem eignen Herzen❝2( man denkt da sogleich an Freuds Formel:der Mensch sei nicht Herr im eigenen Hause! ³); und noch um die Mittedes 19. Jahrhunderts hat Arthur Schopenhauer in das Klagelied Knig-ges eingestimmt mit einer Reihe von Alltagsbeobachtungen:, Z.B.bewimpelte und bekränzte Schiffe, Kanonenschüsse, Illuminationen,Pauken und Trompeten, Jauchzen und Schreien u.s.w., dies Alles ist

2 Knigge, Adolph Freiherr von: Über den Umgang mit Menschen( 3. Aufl. Han-nover 1790). Hg. von Gert Ueding. Frankfurt am Main 1977, S. 82.

3 Vgl. Freud, Sigmund: Eine Schwierigkeit der Psychoanalyse( 1917). In: ders.:Abriß der Psychoanalyse. Einführende Darstellungen. Frankfurt am Main 1994,S. 185-194; hier: S. 194.