Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde110 (2007) / N.S. 61Greverus, Ina-Maria: Unglück und Glück – ein eng umschlungenes, unglückliches Paar: immer noch?

  
Aufsatz in einer Zeitschrift 
Unglück und Glück – ein eng umschlungenes, unglückliches Paar: immer noch? : Gedacht im Freud-Jahr 2006
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2007, Heft 2-3

Unglück und Glück

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vermitteln: ,, Ich bin gerade im Kaufhaus. Und Du?" Das war aufBorneo, und vor dem Kaufhaus saß eine mittelalte Bettlerin, strecktemir die leere Linke entgegen, denn in der rechten Hand hielt sie ihrHandy, Glücksnetze?

Die virtuellen Glücksnetze überziehen den Globus, man kann sicheinklicken oder sich zu Workshops anmelden, sofern man das Gelddafür hat. Die soziale Frage wird dort nicht gestellt. Glück ist auto-telisch. Wie stark muß das empfundene Unglück sein, das die Men-schen so scharenweise in die psychokratischen Glücksmärkte treibt?Und seit Zygmunt Baumans ,, Verworfenes Leben. Die Ausgegrenztender Moderne" 57 und Pierre Bourdieus ,, La misère du monde❝58, demSerendipity eines ganz französischen und sehr westlichen Elends,kann man wieder über die menschliche Traurigkeit oder ,, Das ganzalltägliche Elend" 59 forschen. Und es ist nicht die verlorene Natur, dietraurig macht, sondern die verlorene Kultur. Elisabeth Katschnig-Fasch greift meinen Gedanken des ,, kulturellen Todes" in der Aus-wertung auf. Die Befragten fühlen sich weniger ihrer Naturerfüllungals ihrer Kulturerfüllung als soziale Mitgestalter einer Welt, die auchsie nicht als arm und leer bezeichnen möchten, enteignet.

Wenn wir mit Freud, in Erinnerung an Freud, Glück und Unglückin der Kultur untersuchen, dann sollten wir uns eher an die mahnendeUnglücksforschung als an eine kommerzialisierte Glücksforschunghalten. Überlassen wir es dem kapitalistischen Staat und seinenKulturmachern Glück zu propagieren, kehren wir zurück zu Un-glücksforschung und einer Kritik der Glücksmärkte- und da habenwir uns in unseren verstehende Wissenschaften noch immer viel zusagen, dank Sigmund Freud.

57 Bauman, Zygmunt: Verworfenes Leben. Die Ausgegrenzten der Moderne. Ham-burg 2005[ Wasted lives. Modernity and its Outcasts 2004].

58 Bourdieu, Pierre u.a.: La misère du monde. Paris 1993.

59 Katschnig- Fasch, Elisabeth( Hg.): Das ganz alltägliche Elend. Begegnungen imSchatten des Neoliberalismus. Wien 2003.