138
Ina- Maria Greverus
ÖZV LXI/ 110
Glück ist klein und naiv und bleibt zwischen den Autos vor der Wandstecken bleibt hinterher! 23
-
Im Amerika der 60- er Jahre waren statistisch betrachtet ein Drittelder Befragten sehr glücklich und zwei Drittel immerhin recht glück-lich.24 Eine glückliche Nation? Da hat man wohl die Protestierendender 50- er und 60- er Jahre nicht befragt.
Das Glück in der Kultur, 25 und damit das Behagen in der Kulturunserer westlichen Gegenwart, kreist um die ,, Güter des privat- per-sönlichen Lebenskreises“. 26 Gesundheit, Ehe und Familie, sozialeSicherheit, ein hoher materieller Lebensstandard, der befriedigendeBeruf, reichlich Freizeit und persönliche Unabhängigkeit. Das sindvergleichbare Glückswünsche in den westlichen Gesellschaften derNachkriegszeit, die in das 21. Jahrhundert hineinreichen.27
Anders mögliches Glück wird als Unglück der Unangepaẞten, alsTraurigkeit thematisiert. Zuständig für sie ist nicht mehr die Mehr-heitskultur mit ihrem ,, erbärmlichen Behagen“, die, um es mit Nietz-sche zu sagen,„, das Glück erfunden hat", 28 sondern es sind dieNothelfer für ein Ich, das seinen Weg zwischen Es und kulturellinvestiertem Über- Ich nicht mehr findet. Kurz: die Psychokratie mitihrem sich immer mehr erweiternden ,, Reparaturmarkt für verwun-dete Seelen" 29 durchdringt eine Wissensgesellschaft, in der die Seele
23 Greverus, Ina- Maria: Ja, renn nur nach dem Glück. In: kuckuck. notizen zuralltagskultur 1/07. Graz 2007, S. 19–23.
24 Die Untersuchung ,, Reports of Happiness" von N. Bradburn und D. Caplowitzerschien 1965 in Chicago, zit. in Ch. Bühler: Vorstellungen vom Glück inunterschiedlichen Altersgruppen in den Vereinigten Staaten. In: H. Kundler( Hg.): Anatomie des Glücks. Köln 1971, S. 99-117.
25 Vgl. Greverus, Ina- Maria: Das wandelbare Glück. ,, Pursuit of Happiness" inAmerika und Europa. In: Utz Jeggle, Gottfried Korff, Martin Scharfe, BerndJürgen Warneken( Hg.): Volkskultur in der Moderne. Probleme und Perspektivenempirischer Kulturforschung. Reinbek bei Hamburg 1986, S. 271-289.26 Pross, Helge: Was ist heute deutsch? Reinbek bei Hamburg 1982, S. 73.27 Als Rufer in der Wüste gelten jene Autoren, die eine Nachhaltigkeit des Glücksjenseits von individuellem Wohlstand und Behagen ansiedeln wollen, und diesich dabei auch nicht scheuen, aus Zufriedenheitsstatistiken einen nur bedingtenZusammenhang von materiellem Wohlstand und Lebenszufriedenheit abzulesen.Vgl. das Heft ,, Nachhaltig glücklich“ in: umwelt& bildung, 4/06, Wien.28 Nietzsche, Friedrich: Also sprach Zarathustra. Ein Buch für alle und keinen.Stuttgart 1983, S. 11.
29 Castel, Robert: Der Markt der Seele. In: Dietmar Kamper und Christoph Wulf( Hg.): Die erloschene Seele. Disziplin, Geschichte, Kunst, Mythos. Berlin 1988,S. 38-49.