2007, Heft 2-3
Unglück und Glück
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seiter, Feindschaften eingebracht, von denen er heute gerettet werdensoll. Und diese Ehrenrettung wird zu einem Mord an einem Freud,der seinen Finger in die Wunde unserer Unglücksgesellschaft, undbeileibe nicht nur die eines autoerotischen Kulturverbots, legte.
Nahezu pervers und doch hautnah( im Sinne der todeslustigenZigaretten von heute) hat ,, Der Spiegel" den gealterten und lustab-wesenden Freud mit einer seiner vielen Zigarren, auf der das nackteweibliche Tarzanobjekt einer„, natürlichen“ Begierde sitzt, abgelich-tet. Das weibliche Lustobjekt, die Zigarre und die Collage entpuppensich als Medienkultur, die auf ein bekanntes Bild( nämlich Tarzan) inden Köpfen der Leser zurückgreifen kann. Und das Unbehagen dereinen wird zum Behagen der anderen.
Wir sind im Heute oder in den kulturwissenschaftlichen Begeg-nungen mit der Psychoanalyse. Wir sollen ,, sozial", das heißt gemein-sam, Behagen und Unbehagen, Glück und Unglück, Gemeinsamkei-ten und Einsamkeiten erforschen. Wir sind in einer autotelischenKulturgesellschaft, in der jeder nur noch sich selbst Ziel ist, damitüberfordert. Nicht, weil noch zu viel Natur in uns ist, sondern weildie Kultur der flexiblen westlichen, global intonierten Glücksnoma-den uns wohl unseres sozialen Wesens beraubt hat.
Was allerdings bleibt und zunimmt sind Glücksumfragen. Im In-ternet fand ich 17.600 Hinweise zu Glücksforschung; wobei es sichvor allem um Glücksumfragen und Glückslehren, einschließlich derKursangebote handelte. ,, Nachhaltig glücklich“ titelt die Zeitschriftumwelt& bildung zum Jahresausgang 200622 allerdings mit einemFragezeichen hinter dem Ausrufungszeichen. ,, Glück“ erweist immerwieder seine das Unglück verschweigende Gesellschaftsfähigkeit.,, Ja, renn nur nach dem Glück/ doch renne nicht zu sehr/ denn allerennen nach dem Glück/ das Glück rennt hinterher." Mit diesemVierzeiler von Bertolt Brecht aus der Dreigroschenoper habe ich ineinem Themenband über Glück meine Skepsis vor den Glücksver-sprechungen zu thematisieren versucht. Und weil mir die Sprache,Schwerpunkt unserer wissenschaftlichen Vermittlung, nicht genügte,habe ich eine Collage als virtuelle Sprayerin gestaltet. Da rennt einGlückssucher vor einer geschlossenen Wand, groß und grazil. Das
21 Der Spiegel( wie Anm. 10), Cover.
22 Nachhaltig glücklich!? umwelt& bildung 4/06. Wien 2006.