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Ina- Maria Greverus
ÖZV LXI/ 110
Grundlage einer kollektiven Identitätsbildung entzogen und damitdas Reservoir kollektiver Integrität, aus dem allein das Individuumsein Gewicht als soziales Wesen beziehen kann." 20
Das Unbehagen oder Unglück resultiert hier aus dem Clash derKulturen, in dem die Macht der einen die Ohnmacht der anderenbewirkt. Das soziale Wesen des indianischen Individuums, das es ausseiner eigenen Kultur bezog, wird vernichtet. Das Unglück kommtaus der fremden Kultur, aber nicht aus Kultur als solcher, die demTrieb- und Naturwesen Mensch soziales Verhalten aufbürdet unddamit sein individuelles Glück einschränkt.
Hatte uns Freud tatsächlich diese glücklich- behagliche, autoteli-sche Monade namens Mensch als positiv besetzte Vision beschert?War dies Abwehr gegen die träge und mächtige konservative Kulturseiner Wiener Erfahrungen? Wurde die Kultur dieser historisch inves-tierten männlich- bürgerlich- westlichen Selbsterfahrung zu Kultur ansich stilisiert, die sich nach Natur, Trieberfüllung, zurücksehnt? Odernach einer( männlichen) individuellen Integrität voraussehnt, aus derdas Individuum sein Gewicht und Glück als autoerotisches Wesenbezieht? Hat Freud jenes Unglück in der Kultur vorausgesehen, dasdie Glücksforschung heute zu tausenden von kommerziellen Glücks-Angeboten treibt?
In Freuds ,, Unbehagen in der Kultur" wird das ,, natürliche" Indi-viduum aus dem Zustand seiner autoerotischen und nur noch säug-lingshaft zu erahnenden Unschuld und seiner vorkulturellen Freiheitin Kultur geworfen. Das Unbehagen verdichtet sich in dem individu-ellen und dem kulturellen Über- Ich, jener über das Ich wachendenund strafenden Instanz, die die erwachsenen ,, normalen" Individuenin ,, erwachsener“ und„, normaler“ Kultur über Triebverzicht im so-zialen Miteinander zusammenhält, aber dem„ gesunden“ Es der( männlichen) Individuen doch eine gesellschaftlich legitimierteTriebbefriedigung gewährt. Behagen in der Kultur kann sich dann beiden Angepaẞten immer wieder ausbreiten. Kultur als Politik derGemeinschaft muß das Ich zwischen Es und Über- Ich auf kulturelleNormalität reduzieren. Die A- und Antinormalen haben daran keinenAnteil. Ihre Grenzgänge werden kaserniert, versteinert, eingefroren.Freud hat das Anderssein gegenüber dem Diktat der Kultur, in der erlebte, belichtet, manchmal überbelichtet. Das hat ihm, dem Außen-
20 Erikson, Erik H.: Kindheit und Gesellschaft. Stuttgart 1976( 1950), S. 150.