Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde110 (2007) / N.S. 61Greverus, Ina-Maria: Unglück und Glück – ein eng umschlungenes, unglückliches Paar: immer noch?

  
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Unglück und Glück – ein eng umschlungenes, unglückliches Paar: immer noch? : Gedacht im Freud-Jahr 2006
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Ina- Maria Greverus

ÖZV LXI/ 110

rung zu ergehen. So heißt es über Freud: ,, Seine Ehe... ist nach derGeburt von sechs Kindern weitgehend eingeschlafen, Eros fristet seinDasein als Störenfried im Studierzimmer betreibt Freud Trieb-sublimierung in Vollendung." Und die Mediengeschichte 150- Jahre-Freud endet bei dem Hund, dem letzten der geliebten Chow- Chows,der den Krebsgeruch des sterbenden Freud nicht ertrug.12

Ein Trauerfall von damals? Ein einsames Kind, ein einsamer Ster-bender, zwischendurch ein bißchen kulturgelenkte und heute schonnicht mehr Kinder zeugende Lust? Warum fahren die Medien im Jahr2006 derart auf dieses Klischee ab?

Um uns heute glücklicher zu fühlen? Weil es Natur ist, die sichgegen das Unbehagen in der Kultur zur Wehr setzt? Oder weil sichdas Kulturgeschöpf Mensch gegen das Unbehagen in der Natur zurWehr setzt?

,, Das Unbehagen in der Kultur" gilt als das Werk von SigmundFreud, in dem er die ,, Implikationen seines Denkens so erbarmungs-los herausgearbeitet" hat, wie in keinem seiner Werke zuvor. ¹³ Er hatteauch über den Titel ,, Das Unglück in der Kultur" nachgedacht.

Freuds Kulturbegriff ist weit gefaßt: ,, Das Wort Kultur bezeichnetdie ganze Summe der Leistungen und Einrichtungen, in denen sichunser Leben von dem unserer tierischen Ahnen entfernt und die zweiZwecken dienen: dem Schutz des Menschen gegen die Natur und derRegelung der Beziehungen der Menschen untereinander." 14 DieserKulturbegriff entspricht durchaus dem ethno- anthropologischen Dis-kussionsstand seiner Zeit- und der Zeiten darüber hinaus. 15 Aller-dings bleibt die Sicht auf den Werkzeugcharakter der Kultur demallgemein anthropologischen Aspekt verhaftet, nach dem Kultur alsFähigkeit des Menschen, kulturell zu handeln, gilt.16 Freud beziehtdie vergleichende Perspektive auf Kulturen- Entwicklung zu wenigein, den Blick auf Kulturen, in denen die Natur- Kultur- Ambivalenzanders- und vielleicht befriedigender als im bürgerlichen Wien desbeginnenden 20. Jahrhunderts- gelöst wurde.

12 Die Zeit Nr. 1, 2006, S. 51.

13 Gay, Peter: Freud. Eine Biographie für unsere Zeit. Frankfurt am Main( 1987),S. 611.

14 Freud: Das Unbehagen in der Kultur( wie Anm. 4), S. 220.

15 Vgl. Greverus, Ina- Maria: Kultur und Alltagswelt. Eine Einführung in Fragender Kulturanthropologie. München 1978, S. 52ff.

16 Ebd., S. 91.