2007, Heft 2-3
Unglück und Glück
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fällt auch nicht leicht, Orte zu ersinnen, die uns, wie die Griechen esin ihren, Gymnasien erlebten, etwas über die moralische Dimensiondes sexuellen Verlangens lehren- ich meine moderne Orte, an denensich viele Menschen, ja Menschenmengen tummeln, nicht die Stille desSchlafzimmers oder die Einsamkeit der Couch des Psychologen."
Das wurde 1990 von Sennett für seine und unsere Gegenwartgeschrieben, es hätte auch für Freuds Wien geschrieben werdenkönnen. Und im Jahr 2006, Freud wäre 150 Jahre alt geworden, wirdgenau diese Seelenlandschaft Wien mit ihrer Stille des Schlafzimmersrückblickend( und etwas genüßlich) in den Medien betrachtet. Aberes werden eben nicht gegen die Schlafzimmer und Couchen derGegenwart öffentliche Räume der Kommunikation und der sozialenZuwendung gefordert. Freud wird aus den verschwiegenen Schlaf-zimmern und Sprechzimmern des Jahres 2006, und das sind beileibenicht nur die von Wien, als ,, damals" interpretiert.
Oder sollten wir sagen, dass im Freud- Jahr 2006 erneut eineVerdrängung geschieht, an einem Denker, einem wissenschaftlichenGrenzgänger, der das Behagen in der Kultur attackierte, um zu seinem150. Geburtstag in den Medien wiederentdeckt und auf diese un-glückselige Umarmung von Behagen und Unbehagen, Glück undUnglück, Differenz und Indifferenz festgelegt zu werden.„ Der Sexund das Ich" und weiter ,, Triebwerk im Keller der Seele" titelt derSpiegel.10 Und das Behagen der Einen( hier der Eltern) wird zumUnbehagen des Anderen( hier des Kindes), der beim Koitus der Elternaus dem heimlich erspähten, tabuisierten Schlafzimmer der Eltern inden Keller seiner einsamen und unaufgeklärten Seele fällt. Diese,, Urszene" und ihre Folgen werden zum literarischen, bildnerischenund filmischen Topos einer Avantgarde des vorigen Jahrhunderts, andie sich die kulturbehaglichen ,, Normalbürger“ bis heute nicht ge-wöhnt haben. Es ist nicht nur die ,, Urszene“ der Kindheit, sondernder Mief einer lebenslang und bis heute wirksamen bürgerlichenMoral, in der ,, im Idealfall ein fortpflanzungsfähiger und-willigerErwachsener das Dilemma des ,, autoerotischen, inzestuösen, poly-morph perversen Lustbündels"( Beate Lakotta)" Kind über Erzie-hung gesellschaftsnützlich löst, um sich ,, danach" in Triebsublimie-
9 Sennett: Civitas( wie Anm. 4), S. 11.
10 Lakotta, Beate: Triebwerk im Keller der Seele. In: Der Spiegel Nr. 18, 29. April2006, S. 160-174.
11 Ebd., S. 161.