Bibliothek / EigenverlageÖsterreichische Zeitschrift für Volkskunde110 (2007) / N.S. 61Timm, Elisabeth: Zur Einleitung: Kulturanalyse, Psychoanalyse, Sozialforschung

  
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Zur Einleitung: Kulturanalyse, Psychoanalyse, Sozialforschung : Einblicke für und in die volkskundliche Kulturwissenschaft
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Elisabeth Timm

ÖZV LXI/ 110

bis in die 1960- er Jahre). Dabei analysiert Eli Zaretsky die Psycho-analyse als Mittel, als Ausdruck und als Repräsentation neuer Idealeund Praktiken eines ,, persönlichen Lebens, welche neu waren undin dieser Epoche mit ihrem spezifischen Verhältnis von Massenpro-duktion und Massenkonsum, Arbeit und Freizeit, Staat und Familiezum Telos der Subjekte wurden. Die Strahlkraft der Psychoanalyse,so Eli Zaretsky, beruhte in dieser Epoche auf drei Elementen, die inhistorisch einzigartiger Weise miteinander korrelierten: Sie war,, quasitherapeutische ärztliche Praxis, eine Theorie der kulturellenHermeneutik und eine Ethik der Selbsterfahrung zugleich.²

Das Verhältnis von Kulturanalyse, Psychoanalyse und Sozialfor-schung ist empirisch wie theoretisch in vielfacher Weise reflektiertworden. Der wissenschaftshistorische Befund hierzu lautet, dass dieBeziehungen zwischen diesen Feldern bis zur Zwischenkriegszeitinspirierend und intensiv waren, bis sie schließlich in der NS- Zeit fastvöllig zerstört wurden. Für die Zeit seit 1945 sind es im Wesentlichenzwei Schulen, welche die Psychoanalyse als kritische Theorie desSubjekts"( Helmut Dahmer) mit dem Anliegen einer kritischen Theo-rie von Gesellschaft und Kultur verbunden sehen wollten, und dieinspirierend für zahlreiche weitere Anstrengungen auf diesem Gebietwaren und sind: 3

Zum einen entwickelten die Frankfurter Schule im Exil und ab1951 die Remigranten am Frankfurter Institut für Sozialforschung( v.a. Max Horkheimer, Theodor W. Adorno, sowie in den USA Her-bert Marcuse)- im Austausch mit einigen Psychoanalytikern undSozialpsychologen( u.a. Alexander Mitscherlich, Alfred Lorenzer,Klaus Horn) des 1960 neu gegründeten Sigmund- Freud- Instituts amselben Ort psychoanalytisch informierte Gesellschaftskritik und Kul-turtheorie weiter. Für die Tagung konnten zwei Vortragende gewon-

2 Zaretsky, Eli: Freuds Jahrhundert. Die Geschichte der Psychoanalyse. Wien2006, S. 26.

3 Neben der Frankfurter Schule und der Ethnopsychoanalyse der Schweizer Schuleist hier die US- amerikanische Culture- and- Personality- Schule als eigene Ent-wicklung zu nennen( Ruth Benedict, Margaret Mead, Abram Kardiner, RalphLinton, Cora DuBois); in Österreich hat Klaus Ottomeyer an der UniversitätKlagenfurt die Ethnopsychoanalyse ebenfalls in eine Richtung entwickelt, dieklinisches Arbeiten mit Gesellschafts- und Kulturanalysen verbindet; vgl. u.a.Ottomeyer, Klaus: Die Haider- Show. Zur Psychopolitik der FPÖ. Klagenfurt/Celovec 2000; ders.: Ökonomische Zwänge und menschliche Beziehungen.Soziales Verhalten im Kapitalismus. Münster 2003.