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ÖZV LXI/ 110
Zu Beginn sei eine These in den Raum gestellt: Ohne den Volkskundlerwürde es den Kulturpolitiker nicht gegeben haben. Seine Art, Kulturpolitikzu betreiben wurzelt in seinem Fachverständnis. Und man kann eine weitereThese anfügen: Ohne seinen Lehrer Viktor Geramb hätte es keinen Kultur-politiker Koren gegeben. Diese Behauptungen versuche ich im nachstehen-den Text zumindest ansatzweise zu begründen.
Blicken wir zurück in das Jahr 1931. Koren hatte im Herbst seineDissertation beendet und will zum Rigorosum antreten. Zu diesem Zeitpunkthatte Geramb noch keine Prüfungsberechtigung für Rigorosen. Die immerwieder geäußerte Behauptung, Koren wäre Gerambs erster Dissertant gewe-sen, ist ein nachträgliches Konstrukt, dessen Ursache wohl in der engenVerbindung zwischen den beiden Gelehrten zu suchen ist. Korens ,, Disser-tationsvater" war der Germanist Karl Polheim.( Polheim war allerdingsbekannt für seine Affinität zum jungen Fach Volkskunde. Zu seinen Disser-tanten gehörten auch die später so bedeutenden Fachvertreter LeopoldKretzenbacher und Oskar Moser.) Koren entschied sich also zunächst fürArchäologie als Zweitfach. Im November 1931 ernannte das MinisteriumViktor Geramb zum außerordentlichen Professor und Koren nutzte dieGelegenheit, um das Zweitfach zu wechseln. Das Rigorosum wurde aufMärz 1932 verschoben und Koren war der erste Kandidat, der bei Gerambein Nebenrigorosum ablegte.
Koren war vom charismatischen Geramb schon zuvor fasziniert und hatteauch etliche seiner Lehrveranstaltungen besucht. Dabei kam er mit dessenaußergewöhnlicher Art, Wissenschaft zu betreiben, in Kontakt. Für Gerambwar Wissenschaft als l'art pour l'art betrieben bedeutungslos. Ihm ging esin erster Linie um den gesellschaftspolitischen Auftrag des Faches. Volks-kunde gedacht also nicht als Kompensationswissenschaft, wie dies Jahr-zehnte später einmal für die Geisteswissenschaften diskutiert werden sollte,sondern als aktiv in die Kulturpolitik eingreifende Disziplin. Er berief sichdabei auf einen populären Gelehrten des 19. Jahrhunderts, nämlich auf denmehrfach als ,, Vater der Volkskunde“ bezeichneten Wilhelm Heinrich Riehl.Dessen wohl berühmteste Formulierung wurde für Geramb und durch diesenfür Koren zum immer wieder betonten Credo:
,, Diese Studien über oft höchst kindische und widersinnige Sitten undBräuche, über Haus und Hof, Rock und Kamisol und Küche und Keller sindin der That für sich allein eitler Plunder, sie erhalten ihre wissenschaftlichewie ihre politische Weihe durch die Beziehung auf den wunderbaren Orga-nismus einer ganzen Volkspersönlichkeit, und von diesem Begriff der Na-tion gilt dann allerdings im vollsten Umfange der Satz, dass unter allenDingen dieser Welt der Mensch des Menschen würdigstes Studium sey."( Riehl, S. 215)