Jahrgang 
109 (2006) / N.S. 60
Seite
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Literatur der Volkskunde

ÖZV LX/ 109

WIEGELMANNN, Günther: Alltags- und Festspeisen in Mitteleuropa.Innovationen, Strukturen und Regionen vom späten Mittelalter bis zum20. Jahrhundert. 2. erw. Auflage unter Mitarbeit von Barbara Krug- Richter.(= Münsteraner Schriften zur Volkskunde/ Europäischen Ethnologie), Wax-mann- Verlag, Münster u.a., 2006, 360 Seiten, s/ w. Abb, graph. Darst., Kt.

Günther Wiegelmanns opus magnum ,, Alltags- und Festspeisen. Wandelund gegenwärtige Stellung, die 1965 eingereichte und 1967 publizierteHabilitationsschrift, ist über alle Fachgrenzen hinaus längst zum Klassikergeworden; dies bedarf keiner Betonung. Der lange vergriffene und daher oftgesuchte Band hat nun eine 2. Auflage mit geändertem Untertitel erfahren:,, Innovationen, Strukturen und Regionen vom späten Mittelalter bis zum20. Jahrhundert. Zudem ist ihm ein umfangreiches Postskript hinzugefügtworden. In ihm skizziert Wiegelmann, einer wissenschaftlichen Autobiogra-phie ähnlich, seinen Weg zur Atlasarbeit, berichtet über wichtige Kontakteund Anregungen und er erläutert und ergänzt frühere Forschungen. Nochdeutlicher als bisher wird etwa die Grenze zwischen dem Getrenntkochender einzelnen Speisen und dem Zusammenkochen in einem Kessel, dieWiegelmann nun mit der Frage nach dem Getränk zur Hauptmahlzeit kor-reliert. Die Grenzen stimmen überein, ihre Konturen klären die Zonen. DerGemüseeintopf hat einen hohen Anteil an Flüssigkeit. Eine Banalität schein-bar, aber doch eine Akzentuierung eines so wichtigen Unterschieds. AmBeispiel von Kartoffelanbau und Kartoffelspeisen wird ein zentrales ThemaWiegelmanns, nämlich die Frage nach Innovation und Diffusion von Neue-rungen, erweitert und der spät erfolgte Anbau der Frucht in Südbayern undÖsterreich anhand der von Roman Sandgruber bereitgestellten Materialieneingeordnet und mit dem Beibehalten älterer Esssitten auch materialiterverknüpft.

Wiegelmann registriert und kommentiert die in der Tat breite Rezeptionund Diskussion seiner Befunde. Dadurch entsteht eine Art wissenschaftsge-schichtlicher Überblick über 40 Jahre Diskussion, die an die jeweiligenKapitel des ,, Urtextes" anschließt. Es sind Fragen der Kulturraumforschung,der Nahrung als Kulturgut, der Phasen des Wandels v.a. im Spätmittelalter( Zweimahlzeitensystem), der Tischsitten und des Tischgerätes, Erörte-rungen über die relikthafte Hirse und eine Diskussion über die Fragen derDiffusion des Kaffees. Wiegelmann hat ein veritables Stück Wissenschafts-geschichte geschrieben, in dem die Protagonisten der ethnologischen Nah-rungsforschung wie Nils- Arvid Bringéus, Esther Kisbán, Alexander Fentonund andere mitspielen. Und es darf angemerkt werden, dass die heutigeSIEF- Kommission für ethnologische Nahrungsforschung ganz wesentlichauf diese Impulse zurückgeht.