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Literatur der Volkskunde
ÖZV LX/ 109
strategien der deutschen Gesellschaft in der Nachkriegszeit erarbeiten las-sen. In der Analyse der zunächst marginal erscheinenden Bereiche weibli-cher ,, Ernährungsarbeit“ werden gesellschaftliche Mechanismen aufge-deckt. Die Lebenswirklichkeit der in der Kriegs- und Nachkriegszeit agie-renden Frauen wird somit zum bedeutsamen Indikator für den Zustand einerganzen Gesellschaft.
Elke Eidam erarbeitet somit einen wichtigen Beitrag zum Verständnis,, deutscher Befindlichkeit“ nach dem Krieg. Nicht nur für Fachkollegen istdies eine höchst lesenswerte, alltagswissenschaftliche Studie, dank derfesselnden und klaren Schreibweise wünscht man diesem Buch ein breitesPublikum und somit viele Leser.
Daniella Seidl
ZETTELBAUER, Heidrun: ,, Die Liebe sei Euer Heldentum". Ge-schlecht und Nation in völkischen Vereinen der Habsburgermonarchie.Frankfurt am Main/ New York, Campus Verlag, 2005, 515 Seiten, 18 graph.s/ w. Abb.
Die Zeithistorikerin und Kulturwissenschafterin Heidrun Zettelbauer be-handelt in ihrer Dissertation aus einer kulturwissenschaftlichen Perspektivetheoretisch und empirisch die Interdependenz zwischen den Konzeptennationale Identität und Geschlechteridentität am Beispiel des geografischenund sozialen Raums Zentraleuropa¹ um 1900. Wie funktionieren die Prozessenationaler Identitätsstiftung mittels der Kategorien Geschlecht und Nation?
Zettelbauer bearbeitet erstens die diskursive Normierung weiblichenVerhaltens, zweitens die soziale Praxis und drittens die individuell- subjek-tiven Wahrnehmungsmuster. Sie geht von der These aus, dass die Konstruk-tion geschlechtsspezifischer Nationalcharaktere zentral der Generierungvon Geschlechterräumen, der Geschlechterrollenverteilung und schlussend-lich der Aufrechterhaltung gesellschaftlicher und kultureller Machtverhält-nisse diente.
In Anlehnung an Carol Pateman kritisiert Zettelbauer, dass Frauen sowohlin der empirischen Forschung zu nationaler Identität als auch in der theore-
1 Diesen Terminus definiert sie explizit sehr weich und möchte ihn als„[...]europäische Großregion, die sich durch vielfältige Gemeinsamkeiten auf Ebenelangfristiger kultureller Lebens- und Mentalitätsformen, sowie pluralistischeethnisch- kulturelle und sprachliche Vielfalt auszeichnet“( S. 11) verstanden wis-
sen.