Jahrgang 
109 (2006) / N.S. 60
Seite
487
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2006, Heft 4

Literatur der Volkskunde

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volkskundliche Relevanz des weiten Feldes ,, Kulturerbe interessiert sind,zur Lektüre empfohlen werden.

Peter Strasser

EIDAM, Elke: Die Arbeit gegen den Hunger. Ernährungskultur undweibliche Lebenszusammenhänge in einer hessischen Landgemeinde wäh-rend der Kriegs- und Nachkriegszeit(= Europäische Ethnologie Band 3).Münster, Lit Verlag, 2004, 356 Seiten, 21 s/ w Abb.

Es gibt momentan viele Bücher über die Nachkriegszeit, viele Bücher auchüber die Rolle der Frauen beim Wiederaufbau des besiegten Deutschlands.Geschichten von ,, Trümmerfrauen haben gerade Konjunktur; diese bedie-nen leider oftmals den deutschen ,, Opfermythos".

Wünschenswert ist eine vermehrt wissenschaftliche Auseinandersetzungmittels ethnographischer Mikrostudien, wie sie hier in der kulturwissen-schaftlichen Untersuchung ,, Die Arbeit gegen den Hunger" vorliegt. ElkeEidams Doktorarbeit handelt von weiblichen Lebensbedingungen in derKriegs- und Nachkriegszeit, und dieses Buch ist erfreulich anders.

Die 2002 in Marburg bei Martin Scharfe vorgelegte Dissertation unter-sucht die alltägliche, in Zusammenhang mit Ernährung stehende Arbeit vonFrauen verschiedener sozialer Schichten in der Gemeinde Ebsdorfergrund-Dreihausen im Landkreis Marburg. Dabei werden erstmals weibliche Le-bens- und Arbeitsbedingungen auf dem Lande zwischen 1938 und 1948fokussiert.

Die grundlegende These ist dabei, dass diese weibliche ,, Ernährungs-arbeit nicht nur zur täglichen Lebenssicherung überlebenswichtig war,sondern eine gesellschaftlich bedeutende Rolle spielte. Im Besonderen fragtdiese Untersuchung nach den Kontinuitäten und Veränderungen innerhalbgeschlechtspezifischer Lebens- und Arbeitsverhältnisse der Kriegs- zurNachkriegszeit. Ein Hauptaugenmerk legt die Autorin dabei auf den Zusam-menhang zwischen den nahrungssichernden Tätigkeiten und der mit diesenkorrespondierenden Verarbeitung der Erfahrungen aus Nationalsozialis-mus- und Nachkriegszeit.

Die mittels themenzentrierter qualitativer Interviews erhobenen Teilbio-graphien von zwölf Frauen im ländlichen Kontext werden tiefenhermeneu-tisch interpretiert, um so nicht nur persönliche Lebensverhältnisse, sondernim Besonderen soziale Beziehungen, Emotionen, Ängste sowie Wünsche zuerfassen. Die Befragten der Jahrgänge 1913 bis 1932 sollen dabei nicht alsOpfer des Zeitgeschehens, sondern als Handelnde untersucht werden, diedurch ihr Tun und Unterlassen Verantwortung tragen.